„I want you to act as if our house is on fire. Because it is.” – Greta Thunberg. Wir müssen beim Klimaschutz schneller verstehen und ambitionierter handeln. Dafür hat die amerikanische Denkfabrik Climate Interactive zusammen mit der MIT Sloan Sustainability Initiative das Klimasimulationsmodell En-ROADS entwickelt. Wir sprechen mit Florian Kapmeier, Professor für Strategie an der ESB Business School der Hochschule Reutlingen, der seit vielen Jahren mit Climate Interactive zusammenarbeitet.

1. Klimasimulationsmodell – das klingt kompliziert? Was ist das?
Das Klimasystem ist äußerst komplex. Es ist von unzähligen Rückkopplungsschleifen, nichtlinearen Zusammenhängen und langen Zeitverzögerungen geprägt. Dies überfordert unser Auffassungsvermögen, da wir in der Regel über Rückkopplungen aus unserem Umfeld lernen, sei es durch Erfahrung oder Experimentieren. Auf Erfahrung können wir beim Klima nicht warten, da sich die Konsequenzen unserer Entscheidungen über Jahrzehnte und Jahrhunderte entfalten. Und da beim Klimasystem auch Experimente unmöglich sind, nutzt die Wissenschaft Modelle. Sie ermöglichen Experimentieren und Lernen im sicheren Raum, ohne Mensch und Natur zu gefährden – ähnlich wie ein_e Pilot_in, welche_r im Flugsimulator übt, mit Extremsituationen umzugehen.
Klimawissenschaftler_innen entwickeln große, dreidimensionale Klimasimulationsmodelle, die für den wissenschaftlichen Erkenntniszuwachs relevant sind – aber zu komplex für Laien. Für die hat der amerikanische Think Tank Climate Interactive, mit dem ich seit vielen Jahren zusammenarbeite, in Kooperation mit der MIT Sloan Sustainability Initiative das interaktive, frei verfügbare, globale Klima-Energiesimulationsmodell En-ROADS (Energy Rapid Overview and Decision Support) entwickelt. Mit En-ROADS können alle – von Politiker_innen über Entscheider_innen in Unternehmen und NGOs, Vertreter_innen von Medien bis zu Studierenden und Schüler_innen – für sich selbst herausfinden, was gemacht werden muss, um das Pariser Klimaziel, die Erderwärmung auf weit unter 2 °C zu begrenzen, zu erreichen.

2. Wie konkret hilft das Modell im Unternehmen?
En-ROADS hilft Unternehmen besser zu verstehen, mit welchen Maßnahmen und Handlungen das Klimaziel auf globaler Ebene erreicht werden kann. Oftmals werde ich gefragt: Was hilft denn nun? Was sollen wir machen? Mit En-ROADS geben wir Entscheidern ein Instrument an die Hand, mit dem sie für sich selbst herausarbeiten können, welche Maßnahmen besonders gut oder nicht funktionieren oder auch, welche in Bezug auf Emissionsreduktionen überschätzt werden.
Und sie können dann im nächsten Schritt anhand dieser Einsichten selbst erarbeiten, was das für ihr Unternehmen bedeutet und was konkret in ihrem Unternehmen gemacht werden sollte – ohne dass ihnen gesagt wird, was sie machen müssen. Das kann für die Entwicklung der Nachhaltigkeits- und der Unternehmensstrategie relevant sein und auch für das Risikomanagement. Das Klimasimulationsmodell En-ROADS kann auch bei Diskussionen über aktuelle Themen genutzt werden, beispielsweise für Fragen, wie die Weltwirtschaft nach Covid-19 aufgebaut und gleichzeitig das Klimaziel erreicht werden kann, welche Auswirkungen mehr pflanzenbasierte Nahrung oder die Kreislaufwirtschaft auf das Klima haben. Und En-ROADS ermöglicht die Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Co-Benefits – wie der Luftqualität – besser zu verstehen. Climate Interactive nennt das Multisolving.

3. Ist es nur was für große Unternehmen oder auch für KMU?
En-ROADS ist für alle Unternehmen interessant, unabhängig von der Größe, der Branche oder vom Standort. Sie müssen sich alle mit dem Thema Klimaschutz auseinandersetzen und verstehen, was das eigene Unternehmen dazu beitragen kann. Und dabei kann En-ROADS helfen.
Dafür habe ich übrigens mit Climate Interactive unterschiedliche interaktive Formate mitentwickelt: den En-ROADS Climate Workshop und das Rollenspiel Climate Action Simulation. Beide funktionieren auch online. Das Beste: Man lernt nicht nur über das Klimasystem, sondern sie machen auch noch Spaß. Einfach ausprobieren!

4. Wieso berichten The New Yorker und Bloomberg über euer Modell?
Weil das Thema aktuell und das Modell gut geeignet ist, um diese komplexen Zusammenhänge des Klimawandels zu konkretisieren. Die Leser_innen suchen nach Antworten auf Fragen wie: Wie können wir das Schlimmste der wachsenden Klimakrise noch vermeiden? Welche Maßnahmen, politischen Entscheidungen und Handlungen helfen wirklich? Welche Entscheidungen klingen gut, sind aber in Wirklichkeit in Bezug auf die Temperatur eher wirkungslos? Was bringt ein sofortiger Kohleausstieg? Wie wirkt sich höhere Energieeffizienz im Gebäudebereich aus? Ist die Einführung eines CO2-Preises ausreichend? Wie hoch sollte der CO2-Preis sein? Mit En-ROADS können diese Fragen beantwortet werden.

5. Glaubst Du, dass wir das Pariser Klimaschutzziel von 1,5 Grad maximaler Erwärmung noch erreichen können?
Wir können es schaffen, die Erwärmung bis zum Jahr 2100 auf 1,5 °C zu begrenzen, allerdings würden wir die 1,5 °C zunächst überschießen, bevor die Temperatur wieder fällt. Mit En-ROADS kann das jeder Mensch für sich selbst erfahren. Und daraus ergeben sich zwei wichtige Erkenntnisse: 1. Wir müssen an vielen Stellhebeln drehen. Einer genügt nicht. Wir drücken das so aus, dass „wir viele Samen säen müssen, um einen Garten zu bepflanzen“. 2. Wir können es mit bestehenden Technologien schaffen. Es ist alles da. Wir müssen es nur wollen. Der Weg wird anstrengend aber es ist möglich und lohnenswert.

6. Wenn Du 5 Minuten mit der Bundeskanzlerin hättest: Wie würdest Du sie davon überzeugen, dass es eine mutigere Klimaschutzpolitik braucht?
Ich würde ihr unser Modell vorstellen und gehe davon aus, dass das passieren würde, was immer passiert, wenn ich En-ROADS zeige: Sie würde meinen Laptop langsam zu sich hinziehen und dann selbst an den Stellhebeln schieben. Sie würde wahrscheinlich besonders an kontra-intuitiven Erkenntnissen interessiert sein, wie beispielsweise die multiplikativen Effekte eines CO2-Preises, dass selbst das Pflanzen von einer Milliarde Bäume ca. nur ein Zehntel Grad bringt oder die Elektrifizierung des Transportsektors ohne grüne Energieversorgung den Kohleverbrauch erhöhen und damit dem Klima nicht helfen würde. Ich könnte mir vorstellen, sie würde einen Folgetermin vereinbaren.

Abbildung: Screenshot der interaktiven Bedienoberfläche des En-ROADS Klimasimulationsmodells, beispielhaft anhand eines 1,9 °C-Szenarios. Oben links ist der Energiemix bis zum Jahr 2100 gezeigt, oben rechts die Treibhausgasemissionen. Darunter sind Stellhebel für Maßnahmen und Handlungen aufgeführt, mit denen der Energiemix und andere Emissionen verändert werden können. Zusätzlich können Annahmen und weitere Stellhebel in weiteren Bedienfelder verändert werden (über die drei Punkte rechts neben jedem Stellhebel und über den Menüpunkt „Simulation“ oben links). Klicken Sie zum Aufrufen des Szenarios auf das Bild. Sie können das Szenario genauer analysieren, es nach Ihren Vorstellungen anpassen oder neue Szenarien erstellen.

Dr. Florian Kapmeier ist Professor für Strategie an der ESB Business School der Hochschule Reutlingen und war zu mehreren Forschungsaufenthalten an der MIT Sloan School of Management. Für seine Forschungstätigkeit verknüpft er die Methode System Dynamics mit empirischer Forschung zur Theorieentwicklung und -prüfung. Sein inhaltlicher Fokus liegt auf Aspekten des Verständnisses von Komplexität im Bereich Nachhaltigkeit, u.a. dem Verständnis des Klimawandels. Florian Kapmeier ist Partner des amerikanischen Think Tanks Climate Interactive. Er leitet Climate Action-Simulationen und En-ROADS Climate-Workshops mit Politiker_innen und Unternehmensvorständen, Diplomat_innen sowie Delegierten bei den UN-Klimaverhandlungen, Studierenden und Schüler_innen in Gruppen mit zwischen 12 und 70+ Teilnehmenden. Er gehört weltweit zu den Top 5 En-ROADS-Nutzenden. Sie erreichen Dr. Florian Kapmeier unter: florian.kapmeier@reutlingen-university.de