Gewerbe und Industrie stehen für etwa die Hälfte des Energieverbrauchs in Deutschland. Wer Effizienz, Verbrauch oder nachhaltigere Energie nach vorne bringen will, muss auch in der Wirtschaft ansetzen. Der „Leitfaden Firmenenergie“ von UnternehmensGrün zeigt, was Unternehmen tun können und wo die Politik nachsteuern muss. Welche Möglichkeiten der praktischen Umsetzung der Energieerzeugung auf dem eigenen Firmengelände es gibt, wird anhand von zehn Unternehmensbeispielen aufgezeigt, die das Finale des „Wettbewerbs Firmenenergie 2019“ erreicht haben. In einer Beitragsreihe werden diese nun in Auszügen vorgestellt.

Klartext Gruppe GmbH: Gleichstrom spart Energie

Foto: Klartext Gruppe GmbH

„Ich möchte zeigen, dass man ökologisch handeln kann, ohne auf die Politik zu warten,“ sagt Jörg Mitschele, Gründer der Klartext-Gruppe in Heidenheim. Der Energiebedarf des neuen Firmengebäudes wird zu beinahe 100 % aus den Photovoltaikanlagen auf dem Dach und den damit verbundenen Stromspeichern gedeckt. Der Strom wird direkt über ein Gleichstrom-Netz genutzt, an das sämtliche Büroarbeitsplätzen angeschlossen sind. Das schafft Einsparungen von bis zu 20 % gegenüber der üblichen Wechselstromversorgung.

Die Mitarbeiter werden ermutigt, auf das Auto zu verzichten. Klartext nutzt E-Bikes statt herkömmlicher Dienstwagen und ein E-Lastenbike für Kundentermine. Lademöglichkeiten gibt es auf dem Firmengelände. Das Gebäude der Firma wurde als Effizienzhaus mit KfW 55 Standard errichtet, verbraucht also 45 % weniger Energie als für Neubauten vorgeschrieben. Für Klartext war es dabei wichtig, auf Wärmedämmverbundsysteme aus Kunststoff zu verzichten. Stattdessen wurde ein hochwertiger Massivbau realisiert.

Alle diese Ansätze lassen sich laut Klartext gut auf andere Unternehmen übertragen und bei Bedarf skalieren. Gerade die Gleichspannungsversorgung rechne sich umso mehr, je mehr Büroarbeitsplätze ein Unternehmen habe. Mitschele hofft darum, dass er andere Unternehmer mit seinem guten Beispiel motivieren kann: „Indem man einfach die am Markt schon existierenden Lösungen kombiniert, kann man sein Unternehmen schon jetzt sehr energieeffizient führen, ohne dass die Investitionskosten erheblich steigen.“

Münch Energie: Künstliche Intelligenz steuert das Energiesystem des Neubaus

Foto: Münch Energie

Das fränkische Unternehmen Münch-Energie nutzt praktisch alle Dach- und Freiflächen zur Energiegewinnung durch Photovoltaik. Als Energiespeicher werden neben klassischen Batterien auch unkonventionelle Speichermöglichkeiten genutzt: Druckluftspeicher, die durch Kompression und Expansion der Luft Energie speichern und freisetzen; die Antriebstechnik von Hubwagen und auch Wasserbecken als Wärmespeicher. Münch treibt dabei auch die Kopplung der Energiesektoren Strom, Wärme und Mobilität voran. BHKW und Wärmepumpen ergänzen das System.

Für die Koordination der einzelnen Bestandteile des Energiesystems ist die vom Unternehmen entwickelte künstliche Intelligenz zentral: Die Steuerung errechnet, abhängig von 16 Tagen Wettervorhersage und Wolkenbildern, den kommenden Energie-Ertrag im Verhältnis zum Energie-Bedarf. Sie legt je nach Tageszeit und Wetterlage möglichst viel selbst erzeugte Energie in den unterschiedlichen Speichern ab, um dann die Energie für Produktionsspitzen bei Bedarf verzögerungsfrei dorthin zu schicken, wo sie gebraucht wird.

Dank der Eigenstromversorgung und der smarten Steuerung ist der Firmensitz komplett klimaneutral und sehr wirtschaftlich: Seine Stromkosten hat Münch Energie halbiert, die Heizkosten geviertelt und die Mobilitätskosten geachtelt. Durch die hohe Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit hofft Münch Energie, auch andere Unternehmen für dieses Konzept zu gewinnen.

Lizergy GmbH: Energieversorgung voll unter Strom

Der Freudenstädter Elektroinstallateur Lizergy ist sein eigener Demonstrationsbetrieb: All die Technologien, die das Unternehmen anbietet, nutzt und kombiniert es selbst und deckt damit alle Energiebereiche mit dem selbst produzierten Strom ab. Lizergy baut eine ganzjährig energieautarke Gewerbehalle mit Büros für das eigene Unternehmen, die lediglich mit dem öffentlichen Netz verbunden sein wird, um überschüssige Energie einzuspeisen. Von den 900 Quadratmetern werden 140 vermietet, der Rest wird selbst genutzt. „Wir planen den Neubau als Referenzobjekt, um aufzuzeigen, dass auch in unseren Breitengraden eine vollständige Eigenversorgung mit erneuerbaren Energien wirtschaftlich möglich ist“, sagt Simon Hänel, der Gründer und Geschäftsführer von Lizergy.

Herzstück des Projektes ist ein intelligentes Energiemanagementsystem: Lizergy kann zentral einzelne Verbrauchsstellen ansteuern und so auf Erzeugungsspitzen und -tiefs reagieren. Die Photovoltaikanlagen erzeugen deutlich mehr Strom, als benötigt wird. Auf diese Art können an sonnenreichen Tagen zum Beispiel Stromspeicher und auch die Akkus der Elektrofahrzeuge geladen werden, die so gleichzeitig als flexible Stromspeicher fungieren. Außerdem wird dann überschüssiger Strom ins öffentliche Netz eingespeist. Die Solaranlagen sind so ausgelegt, dass auch an weniger sonnigen Tagen immer noch genug Strom für den eigenen Bedarf produziert wird. Die Heizung ist eine Kombination aus einer Wärmepumpe mit Pufferspeicher und ansteuerbaren Infrarotheizungen; nach der sukzessiven Umstellung auf E-Mobilität kann also der gesamte Energiebedarf mit dem selbst produzierten Strom gedeckt werden.

Das Projekt „Unternehmensstrom – Praxisnetz und Etablierung von Demonstrationsbetrieben“, in dessen Rahmen der Leitfaden Firmenenergie entstanden ist, wird von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) gefördert. Bei Interesse an einer gedruckten Ausgabe des Leitfadens, bitte eine Mail an keich@unternehmensgruen.de.