Gewerbe und Industrie stehen für etwa die Hälfte des Energieverbrauchs in Deutschland. Wer Effizienz, Verbrauch oder nachhaltigere Energie nach vorne bringen will, muss auch in der Wirtschaft ansetzen. Der „Leitfaden Firmenenergie“ von UnternehmensGrün zeigt, was Unternehmen tun können und wo die Politik nachsteuern muss. Welche Möglichkeiten der praktischen Umsetzung der Energieerzeugung auf dem eigenen Firmengelände es gibt, wird anhand von zehn Unternehmensbeispielen aufgezeigt, die das Finale des „Wettbewerbs Firmenenergie 2019“ erreicht haben. In einer Beitragsreihe werden diese nun in Auszügen vorgestellt, beginnend mit den drei Siegern des Wettbewerbs.

ESM Energie- und Schwingungstechnik: Über 100 % erneuerbar mit eigenen PV-Anlagen, Windrädern und Geothermie

Foto: ESM, Axel Stephan

„Bei uns im Unternehmen ist die Energiewende schon vollzogen,“ so Julian Saur, Geschäftsführer des Maschinenbau-Unternehmens ESM Energie- und Schwingungstechnik Mitsch GmbH. 2016 zog das Unternehmen um und setzte an seinem neuen Standort ein vom Firmengründer Franz Mitsch geplantes Energiekonzept um: Hier wird die Abwärme der Produktionsmaschinen per Wärmerückgewinnung zum Heizen der Hallen verwendet; dazu sind die Produktionsanlagen und die Arbeitsplätze mit einer Luftabsaugung ausgestattet und die warme, „verbrauchte“ Luft wird über Wärmetauscher nach außen geleitet. So wird die Frischluft wird vorgewärmt und in die Halle geleitet.

Im Winter reicht das die so wiedergewonnene Wärme für rund die Hälfte der Hallenbeheizung. Den übrigen Heiz- und Kühlbedarf deckt ESM mit Geothermie und Wärmepumpen: Dazu gibt es auf dem Firmengelände 60 Erdsonden in ungefähr 45 Meter Tiefe. Den Strom für den Betrieb der Sonden produziert ESM über Photovoltaikanlagen auf den Fabrikgebäuden. Stromüberschüsse werden für die Elektrofahrzeuge des Unternehmens genutzt.

Durch die Arbeit im Dreischichtbetrieb ist der Stromverbrauch bei ESM konstant gleich hoch. In den Mittagsstunden deckt ESM diesen Verbrauch vollständig mit den eigenen Photovoltaikanlagen. Im Gegensatz zu Betrieben ohne eigene Stromproduktion und Schichtbetrieb benötigt ESM dadurch zur Mittagszeit keinen Strom aus dem öffentlichen Netz, in der Nacht dagegen am meisten. Dieser im Vergleich zu anderen Produktionsbetrieben azyklische Strombezug aus dem Netz hilf damit auch, das Stromnetz zu entlasten.

Haffhus: App-gesteuerte Lastenverschiebung

Bild: Haffhus

Im Jahr 2016 hat die Hotel- und Ferienanlage Haffhus aus Ueckermünde begonnen, ein eigenes Energiekonzept zu entwickeln. Der Maßstab sollte nicht nur die Rentabilität der Anlagen sein. Vielmehr wurden ganzheitliche Lösungen mit Sektorkopplung, Batteriespeicher und einem sinnvollen Umgang mit Produktionsspitzen bei der erneuerbaren Energie gesucht.

Schon zwei Jahre später waren die meisten der heute stehenden Anlagen installiert: Hotel- und Wellnessbetrieb werden nun vollständig durch die eigenen Solaranlagen, Wärmepumpen und Holzhackschnitzelvergaser mit Strom und Wärme versorgt. Produktionsspitzen werden durch Batterie- und Wärmespeicher, aber auch durch die hauseigene Wäscherei, die Saunen und den Außenpool des Hotels abgefangen. Um zu jedem Zeitpunkt sicher versorgt sein zu sein, hat das Haffhus Blockheizkraftwerke installiert, die einspringen können, wenn Strom und Wärme aus Erneuerbaren mal knapp werden.

Ein besonderer Aspekt der Haffhus-Lösung ist der smarte Umgang mit den von den Anlagen gesammelten Informationen: Mit Hilfe der Regelungstechnik ist jederzeit zentral einsehbar, wieviel Energie welche Anlage gerade produziert, wieviel gespeichert ist und wieviel gerade verbraucht wird. Die gesammelten Informationen werden auch den Mitarbeitern des Haffhus übersichtlich per App bereitgestellt. So können sie selbst entscheiden, wann die beste Zeit für welche Aufgabe ist. Die Gäste können ebenfalls über Infodisplays, Tablets auf den Zimmern oder die Website eine Übersicht nutzen, um zum Beispiel den günstigsten Moment für einen Saunabesuch zu wählen.

solarcomplex AG: Dezentrale Netzstabilisierung: Ein Blick in die Zukunft

Foto: www.kuhnle-knoedler-fotodesign.de

Die Solarcomplex AG aus Singen hat mit der Sanierung des firmeneigenen 60er Jahre Büro- und Wohngebäudes in der Innenstadt gezeigt, was auch im Gebäudebestand technisch und wirtschaftlich machbar ist: Die Photovoltaik-Elemente an Fassaden und auf dem Dach liefern den Strom und einen Teil der Wärme. Zusätzlich kommen Vakuum-Röhrenkollektoren, ein Bioerdgas-BHKW und ein großer Pufferspeicher mit Heizstäben zum Einsatz.

Der am Gebäude erzeugte Strom kann auf drei Weisen genutzt werden: Direkt elektrisch, thermisch oder als Einspeisung ins öffentliche Netz. Bei der Heizungssanierung wurde bewusst ein überdimensionierter Speicher eingebaut, um die Sektoren Strom und Wärme besser koppeln zu können. Mit dieser Energielösung werden jährlich 130 Tonnen CO2 bei Wärme und Strom eingespart.

Solarcomplex betont, dass Fassadenanlagen gerade bei einer Sanierung eine große Chance seien: die Anlagen böten gleichzeitig Witterungsschutz für die Dämmung. Die Kosten sind danach nicht höher als bei anderen Fassadenplatten, die ohnehin benötigt werden. So sei jede zusätzlich erzeugte Kilowattstunde Strom ein Reingewinn.

„Unternehmen spielen eine ganz zentrale Rolle für die Umsetzung der Energiewende.“, sagt Jörg Dürr-Purcher von Solarcomplex. Er weist darauf hin, dass Gebäude wie das Haus von Solarcomplex auch benötigt werden, um bei Überlastung des Stromnetzes mit ihrem Pufferspeicher Stromspitzen abzufangen. Bei geringem Stromangebot könne dann das eigene Blockheizkraftwerk eingesetzt werden. „Mit dieser Art dezentraler Netzstabilisierung kann eine vorwiegend auf Erneuerbaren Energien basierende öffentliche Versorgung gelingen“, heißt es bei Solarcomplex.

Das Projekt „Unternehmensstrom – Praxisnetz und Etablierung von Demonstrationsbetrieben“, in dessen Rahmen der Leitfaden Firmenenergie entstanden ist, wird von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) gefördert. Bei Interesse an einer gedruckten Ausgabe des Leitfadens, bitte eine Mail an keich@unternehmensgruen.de. 

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