Vorwort von Dr. Katharina Reuter, Geschäftsführerin UnternehmensGrün

Das Bewusstsein für das Politische wächst. Auch bei den Unternehmerinnen und Unternehmern. Nachhaltigkeit wird dieses Jahrzehnt prägen wie kein anderer Megatrend (u.a. Zukunftsinstitut 2020). Wurden Klimaschutz und Nachhaltigkeit in der konventionellen Wirtschaft bisher vor allem als Kommunikationsthemen verstanden, geht es jetzt an den Kern der Unternehmen. Mit Klimakrise, Artensterben und Ressourcenknappheit wird der gesellschaftliche Druck stärker. Gerade der innovative Mittelstand möchte hier künftig Teil der Lösung sein – und nicht länger Teil des Problems. Die Mitgliedsunternehmen von UnternehmensGrün sind Nachhaltigkeitspioniere, die sich auch politisch in verschiedene Debatten einbringen (Agro-Gentechnik, Handelspolitik/ TTIP, Klimaschutz). In unserer DNA liegt nicht nur das Politische, sondern auch die ganzheitliche Betrachtung von Nachhaltigkeit und das branchenübergreifende Verständnis von Transformation.

Mit Initiativen wie „Entrepreneurs For Future“ ist es die Wirtschaft, die die Politik treibt. Gemeinsam fordern die Unternehmen eine radikale Klimaschutzpolitik. Selbst das Weltwirtschaftsforum in Davos wird zur Bühne für Nachhaltigkeit (zumindest verbal) und der Gründer Klaus Schwab spricht über das Ende des Shareholder Kapitalismus. Bei den Nachhaltigkeitsvorreiter_innen hingegen ging es schon immer um einen Stakeholder-(statt Shareholder) Ansatz. Die Zeiten, in denen die Wirtschaft weiter ist als die Politik, erfordern daher von den Unternehmer_innen ein „upgrade“ ihrer CSR-Strategie um die politische Dimension, ein upgrade hin zu Corporate Political Responsibility.

Welchen Stellenwert hat
Corporate Political Responsibility für die Biobranche?

UnternehmensGrün bearbeitete dieses Jahr im Kongressprogramm der Biofach das Thema CPR (Corporate Political Responsibility). In interaktiven Großgruppenworkshops wurde gemeinsam diskutiert, welchen Stellenwert Corporate Political Responsibility für die Biobranche hat.

Mit: Julian Stock (Alnatura), Markus Wörner (einhorn), Valentin Jaeger (Taifun Tofu) und Dr. Katharina Reuter (UnternehmensGrün). Moderation: Martina Merz (Vorständin UnternehmensGrün, Inhaberin merz punkt)

Corporate Political Responsibility

= CPR kann als Oberbegriff für Unternehmensverantwortung entwickelt werden. Zunächst aber geht es bei CPR um das genuin Politische – die Pflege der öffentlichen Debatte und partizipative Projekte als Herzstück einer lebendigen Demokratie. Diese ist – wie auch Rechtsstaatlichkeit, die EU oder funktionierende Ordnungspolitik– eine Triebfeder unseres wirtschaftlichen Erfolgs.

Quelle: Bohnen, J. (2019), https://www.forum-csr.net/News/13157/CorporatePoliticalResponsibilityCPR.html

Valentin Jaeger berichtete in seinem Impulsvortrag von der Politisierung von Taifun-Tofu. Zunächst war Taifun „politisch neutral“, da das Unternehmen sich eine Vielfalt im Rahmen des demokratischen Spektrums (auch intern) wünschte. Doch die Produkte (Tofu) und das Handeln des Unternehmens wurden zunehmend zum Politikum. Die Kombination aus bio und vegan habe zudem eine ökologische und gesellschaftliche Stärke, welche gerade dabei ist, ihre volle Wirkung zu entfalten.

„Eigentlich ist Bio das ganz normale Lebensmittel, während die sogenannten „konventionellen“ Lebensmittel ein negativ-Label „Techno Food“ tragen müssten“ Valentin Jaeger, Taifun

Die PowerPoint zum Impulsvortrag von Valentin Jaeger gibt es hier zum Nachlesen.

Der Impulsvortrag von Markus Wörner verdeutlichte, dass Unternehmen die Pflicht haben mehr Verantwortung zu übernehmen. Durch das politische Engagement von einhorn habe das Unternehmen einen „Purpose“, einen guten Zweck, der Mitarbeiter_innen glücklich macht und die Art und Weise des Wirtschaftens verändere – einhorn nennt das Prinzip „Unfuck the economy“.

“Wir merken täglich, dass es unheimlich viele Menschen gibt, die richtig Lust haben an Lösungen zu arbeiten und sich zu engagieren. Genau darauf haben wir als Unternehmen auch Lust.”
Markus Wörner, einhorn

Markus Wörners PowerPoint gibt es hier zur Nachlese.

Julian Stock von Alnatura betonte, dass jede Handlung von Menschen und Organisationen politisch sei. Eine Haltung zu haben, diese konsequent zu verfolgen sowie darüber transparent und erlebbar zu berichten mache starkes politisches Engagement aus.

„Eine klare und konsequente Haltung zu ökologischen und sozialen Themen ist das Potenzial und gleichzeitig die größte politische Macht der Bio-Branche.“ – Julian Stock, Alnatura

Zum Impulsvortrag von Julian Stock geht’s hier.

Dr. Katharina Reuter machte deutlich, wie notwendig die politische Stimme der nachhaltigen Unternehmen sei, da die „dunkle Seite der Macht“ bereits ihren großen Einfluss in der Politik tagtäglich ausnutze.

„Deshalb brauchen wir Unternehmen, die eine klare Haltung zeigen, sich politisch engagieren und dabei authentisch sind. Dann kann sich die Politik auch nicht länger hinter der Wirtschaft verstecken, sondern muss handeln!“ – Dr. Katharina Reuter, UnternehmensGrün

Erfolg durch politische Partizipation
In der Gruppe von Katharina Reuter wurde verdeutlicht, welche Erfolge man als Unternehmen durch politische Partizipation erleben kann. Begriffe wie Austausch, Perspektivwechsel, Wirksamkeit und „impact“ standen im Zentrum der Diskussion. Und dass es für Veränderung nicht nur auf die Chefetage ankomme, sondern auch die Mitarbeiter_innen Wandel-Impulse setzen können.

Mit Haltung politisch sein
Valentin Jäger von Taifun-Tofu (UnternehmensGrün-Mitglied) arbeitete zusammen mit den Teilnehmenden die verschiedenen Möglichkeiten heraus, sich außerhalb der Parteien politisch zu engagieren. Potentiale bieten hierbei Verbände, Kooperationen auf Unternehmensebene, Dialoge und Lobby-Arbeit. Die Haltung des eigenen Unternehmens zu kommunizieren sei dabei essenziell. Und: Der Austausch mit anderen Unternehmen sei wertvoll, man könne „Haltungsgemeinschaften“ auf inhaltlicher Ebene bilden, um mehr zu erreichen. Ein Beispiel dafür sei UnternehmensGrün.

Politische Positionierung von Unternehmen
Die Workshop-Gruppe rund um Markus Wörner von einhorn (UnternehmensGrün-Mitglied) beschäftigte die Frage, wie weit sich ein Unternehmen politisch positionieren kann. Die Befürchtungen sind u.a. Shitstorms, Polarisierung im Unternehmen sowie die Gefahr, Mitarbeitende und Kund_innen zu verlieren. Dies alles sei kein Problem, solange man als Unternehmen transparent ist, so Wörner, denn „Hate“ komme durch einen Mangel an Informationen. „Zunächst wollten wir kein politisches Unternehmen sein. Doch dann haben wir über unsere Produkte immer stärker die eigene Haltung kommuniziert. Begonnen hat alles mit den Perioden-Produkten ‚Nazis raus, Tampon rein‘.“ Später forderte das Unternehmen, die Luxussteuer auf Periodenprodukte abzuschaffen – mit Erfolg.

Verantwortlich handeln aus Überzeugung
In der Workshopgruppe um Julian Stock (Alnatura) wurde herausgearbeitet, wie das eigene Unternehmen den Kund_innen kommunizieren kann, dass man aus Überzeugung corporate responsable handelt und nicht aus PR-Gründen. Besonders wichtig sei es, die eigene Motivation und die Handlungsansätze transparent zu kommunizieren. Dabei können externe Zertifizierungen helfen.

Martina Merz: „Sich auch als Unternehmerin, als Unternehmer politisch einmischen – dazu gibt es heute keine Alternative! Die Veranstaltung hat deutlich gemacht, dass die Biobranche schon Vieles richtig macht, aber gern noch politischer werden darf, auch in Themen, die über Agrarpolitik hinausgehen.“

* Besonderer Dank: Wir danken Susanne Kitlinski (Opensustain) für ihr Graphic Recording! Sie hielt die vielen wertvollen Details fest.
** Foto-Copyright: Sandra Eckhardt