Gastbeitrag von Christian Lautermann (IÖW) für UnternehmensGrün

Eine Analyse von Nachhaltigkeitsberichten hinsichtlich ihrer Behandlung der Sustainable Development Goals

Die Sustainable Development Goals und die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen

Die globale Ökonomie auf den Pfad einer nachhaltigen Entwicklung zu bringen – das ist eine Aufgabe, an der nicht alleine die Staaten dieser Welt, sondern insbesondere auch die Akteure der Wirtschaft mitwirken sollten. Mit den 17 Entwicklungszielen, den Sustainable Development Goals (SDGs) adressieren die Vereinten Nationen die Wirtschaft und jedes einzelne Unternehmen. Die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen erscheint als ein hilfreiches Instrument, um abzulesen, wie diese Unternehmen sich in Bezug auf die SDGs positionieren, also welche Strategien sie verfolgen und welche Maßnahmen sie ergreifen, um die globalen Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Wie gut diese Indikatorfunktion des Reportings erfüllt wird, hängt von der Qualität der Berichterstattung ab.

Nur drei Jahre, nachdem die SDGs verabschiedet wurden, bezieht sich eine nennenswerte Anzahl von deutschen Unternehmen in ihren Nachhaltigkeitsberichten auf die globalen Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Die Art der Darstellung lässt vermuten, dass in den künftigen Nachhaltigkeitsberichten dieser Unternehmen die SDGs auch weiterhin eine Rolle spielen werden. Eine systematische, ausführliche und tiefgehende Behandlung der SDGs ist zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch nicht zu konstatieren. Allenfalls wenige Ausnahmen – so insbesondere die Berichte der Unternehmen Allianz, Siemens und Vaude – demonstrieren, wie eine gründliche Auseinandersetzung mit den SDGs die Nachhaltigkeitsberichterstattung bereichern kann.

Inhaltlich dürfte beim SDG-Reporting von Unternehmen am meisten interessieren, wie sie ihren eigenen Beitrag zur Erreichung der SDGs darstellen. Als vergleichsweise beste Behandlung des SDG-Beitrages von Unternehmen sind die Darstellungen von Siemens und Vaude hervorzuheben, weil sie besonders umfassend ausfallen. Der Bericht von Siemens erläutert in jedem Kapitel und damit für jeden Handlungsbereich den Beitrag des Unternehmens zur Erreichung der SDGs relativ ausführlich. Vaude gibt in seinem (englischsprachigen) Extradokument „Our contribution to Sustainable Development Goals“ für jedes einzelne SDG systematisch Antworten auf die Fragen, wie das Unternehmen seine Verantwortung auf nationaler und globaler Ebene wahrnimmt und wie die konkreten Beiträge sowohl im Unternehmen als auch in der Lieferkette aussehen.

Umfang der Berichterstattung über SDGs

Ausgangspunkt dieses Gastbeitrags war zu prüfen, wie viele von insgesamt 109 Unternehmen (69 Großunternehmen, 40 mittelständische Unternehmen) bereits die Sustainable Development Goals (SDGs) in ihren Berichten berücksichtigen (zur Stichprobe und Methodik s.u. den Abschnitt „Hintergrund“). Die Analyse hat ergeben, dass die SDGs nur in 53 der insgesamt 109 Nachhaltigkeitsberichte explizit thematisiert werden, d.h. in etwas mehr als der Hälfte aller Berichte finden sich keinerlei Erwähnungen der SDGs oder Bezüge zu ihnen. Von den Großunternehmen berichten 44, also rund 64 %, zu den SDGs, bei den mittelständischen Unternehmen indessen neun, also rund 23 %.

Da sich die Behandlung der SDGs in den Berichten häufig auf mehrere Textstellen verteilt und manchmal zahlreiche, aber eher sporadische Bezüge (oft nur Erwähnungen, einzelne Sätze oder kurze Absätze) zu finden sind, ist der Umfang der Berichterstattung über die SDGs schwer zu bemessen. Als Indikatoren für die Ausführlichkeit, mit der sich ein Unternehmen in seinem Nachhaltigkeitsbericht mit den SDGs auseinandersetzt, kann man den Umfang von zusammenhängenden Passagen, die ausschließlich den SDGs gewidmet sind, heranziehen: also Kapitel, tabellarische Übersichten und gesonderte Dokumente eigens zu den SDGs.

Eigene Kapitel zum Thema SDGs findet man in den Nachhaltigkeitsberichten von 16 Unternehmen. Davon sind zwölf Großunternehmen und vier mittelständische Unternehmen. Der Umfang dieser Kapitel variiert allerdings beträchtlich und reicht von einer Seite (Telefónica) bis 26 Seiten (Vaude). Der Großteil der Kapitel ist ein bis drei Seiten lang. Einige Unternehmen veröffentlichen auch tabellarische Übersichten, in denen durchgehend Bezug auf die SDGs genommen wird. Dies ist bei 12 Unternehmen (ein KMU und 11 Großunternehmen) der Fall, bei manchen Unternehmen mehrfach. Auch hier variiert der Umfang dieser Übersichten und reicht von nur einer halben Seite (Deutsche Bank) bis zu neun Seiten (Audi). Zu unterscheiden ist hierbei zwischen tabellarischen Übersichten, bei denen die SDGs im Mittelpunkt stehen (9) und solchen, bei denen neben anderen Inhalten am Rande auch auf die SDGs verwiesen wird (6). Bei der ersten Gruppe handelt es sich vorrangig um Tabellen, die die wesentlichen Nachhaltigkeitsthemen und Handlungsfelder für das Unternehmen darstellen; die zweite Gruppe von tabellarischen Übersichten stellt vor allem die Beiträge des Unternehmens zu den von ihnen als relevant eingestuften SDGs dar (s.u.). Neben den Bezügen zu den SDGs innerhalb des Nachhaltigkeitsberichts, verweisen sieben Unternehmen auf zusätzliche Formate außerhalb des Berichts, die ausschließlich den SDGs gewidmet sind (davon sechs Großunternehmen und ein mittelständisches). Sechs von den sieben Unternehmen verweisen dabei auf Online-Inhalte, deren Länge etwa 2-5 Seiten entspricht.

Art und Weise der Behandlung und Darstellung der SDGs

In den untersuchten Nachhaltigkeitsberichten werden die SDGs auf unterschiedliche Arten und in verschiedenen Formen behandelt – sowohl in textlicher als auch in graphischer Hinsicht. Eine sporadische Erwähnung der SDGs im Laufe des Berichtstextes kommt häufiger vor, soll hier aber keine weitere Berücksichtigung erfahren. Erwähnenswert ist, dass acht Unternehmen an prominenter Stelle Bezug auf die SDGs nehmen, nämlich in den Statements des Vorstandes am Anfang des Nachhaltigkeitsberichts. Im Bericht der Allianz nehmen auch Corporate-Responsibility-Verantwortliche an drei Stellen in kurzen Statements Bezug auf die SDGs. Im Bericht der Commerzbank findet sich ein Interview mit Georg Kell, einem Mitbegründer des UN Global Compact, in dem es um die SDGs und ihre Bedeutung für die Finanzwirtschaft geht. Die Unternehmen Deutsche Bahn, Schaeffler und Neumarkter Lammsbräu platzieren in einem Glossar am Ende des Berichts eine Definition bzw. kurze Erklärung der SDGs.

21 Unternehmen verwenden in ihrem Nachhaltigkeitsbericht tabellarische Darstellungen mit Bezügen zu den SDGs. Dies sind vor allem Übersichten über die Nachhaltigkeitsthemen sowie Ziele und Maßnahmen des jeweiligen Unternehmens. Manche Unternehmen haben für ihren Bericht einen Index erstellt, in dem die SDGs angeführt werden. Aldi Nord beispielsweise listet alle 17 SDGs auf mit Verweisen zu den Textstellen mit weiteren Informationen dazu , während Volkswagen und Talanx die SDG-Bezüge in den GRI Index integrieren. Diese Indizes beziehen sich in manchen Berichten auf alle 17 SDGs (z.B. Aldi Nord, Linde und Vaude) und teilweise nur auf für das Unternehmen als relevant eingestufte SDGs (z.B. Innogy, Deutsche Telekom, Merck).

SDGs in Wesentlichkeitsanalysen

In vielen Nachhaltigkeitsberichten wird im Rahmen der Erläuterungen zu den Wesentlichkeitsanalysen der Unternehmen auf die SDGs eingegangen. Das heißt, sie spielen eine Rolle bei der Ermittlung der Themen, die für die Berichterstattung bzw. für die Nachhaltigkeitsstrategien der Unternehmen als wesentlich eingestuft werden. Eine explizite Bezugnahme auf die SDGs im Rahmen der Wesentlichkeitsanalysen kann in den Berichten von elf Unternehmen festgestellt werden (Audi, BayernLB, Baywa, BMW, Hochtief, KFW, Lidl, Münchner Rück, Siemens, Tui und Uniper).

Welche Rolle die SDGs nun genau bei den Wesentlichkeitsanalysen der Unternehmen gespielt haben, wird insgesamt eher oberflächlich dargestellt. Wenngleich in Gestalt von ansprechenden Abbildungen ordnen etwa Hochtief und Uniper die relevanten SDGs den wesentlichen Themen lediglich zu – ohne zu erklären oder zu begründen, wie es zu dieser Zuordnung gekommen ist. Audi hat im Rahmen seiner Wesentlichkeitsanalyse „beispielsweise auch bewerten lassen, zu welchen Zielen der Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen (SDGs) die Automobilindustrie den größten Beitrag leisten kann und soll.“

Erläuterungen zur Methodik finden sich nur bei drei Unternehmen: Die KFW erklärt die Vorgehensweise bei der Bewertung des möglichen Umfangs, zur Erreichung der SDGs beizutragen, mit unterschiedlichen Scopes für die Nachhaltigkeitsthemen: global beim Bankgeschäft und standortbezogen beim Bankbetrieb. Siemens erläutert, wie die Ergebnisse der Wesentlichkeitsanalyse durch die Bewertung des SDG-Beitrages teils bestätigt, teils erweitert wurden. Am ausführlichsten behandelt die BayWa, welche Rolle die SDGs methodisch bei der Wesentlichkeitsanalyse gespielt haben. Zunächst hält sie fest, dass im Zuge der Überprüfung ihrer strategischen Ausrichtung „die Definition der wesentlichen Themen für Steuerung und Reporting entlang von 11 ausgewählten SDGs“ aktualisiert worden sei und gibt ein paar Informationen zur methodischen Vorgehensweise wie den Verweis auf eine 10-Punkte-Skala und die Arbeit eines Steuerkreises. Das Ergebnis – die wesentlichen Nachhaltigkeitsherausforderungen des Konzerns – werden dann in einem Schaubild zusammengefasst, bei dem jeweils die relevanten SDGs zugeordnet werden.

Identifikation von Schlüssel-SDGs

Schlüssel-SDGs oder „Focus SDGs“ (Allianz) meinen eine Auswahl aus den 17 SDGs, der das Unternehmen eine besondere Bedeutung bemisst. Schlüssel-SDGs haben eine direkte Relevanz bei der Durchführung einer Wesentlichkeitsanalyse. Gleichwohl wird die Bestimmung der wesentlichen Themen und die Bestimmung der wesentlichen SDGs nur in einigen Fällen zusammenhängend dargestellt. Die Identifikation einer Reihe von Schlüssel-SDGs ist in den Berichten weit verbreitet – auch jenseits von Wesentlichkeitsanalysen:

  • 28 Unternehmen benennen ihre Schlüssel-SDGs, davon 23 Großunternehmen und fünf KMU
  • die Anzahl der angegebenen Schlüssel-SDGs reicht von zwei bei Bayer (SDGs 2+3), Eon (SDGs 7+13) und Lufthansa (SDGs 12+13) bis zu elf bei der Deutschen Telekom und bei Infineon, 12 bei Talanx und sogar 13 bei Telefónica.

Die meisten Unternehmen, die Schlüssel-SDGs identifiziert haben, berichten dann schwerpunktmäßig über diese Auswahl. Es kommt aber auch vor, dass Unternehmen nach der Identifikation ihrer Schlüssel-SDGs dann doch etwas zu allen 17 SDGs schreiben (Deutsche Telekom, Evonik). Die Münchner Rück betrachtet ein einzelnes SDG, und zwar Nummer elf „Sustainable Cities and Communities“, als so wesentlich, dass sie es in einem eigenen Kapitel behandelt (S. 114f.).

In vielen Fällen werden die Schlüssel-SDGs einfach nur genannt, aber nicht hergeleitet oder begründet. Dort, wo Erklärungen zum Zustandekommen der Schlüssel-SDGs angegeben werden, unterscheiden sich die Ausführungen in Umfang und Qualität. In wenigen Fällen werden die Schlüssel-SDGs mit dem Verweis auf einen Abgleich mit den Nachhaltigkeitsmaßnahmen (Bosch) oder mit den Nachhaltigkeits- und Umweltzielen bzw. dem Umwelt- und Nachhaltigkeitsprogramm (Assmann) hergeleitet. Eine weitere Variante ist, die Schlüssel-SDGs schlicht als Ergebnis der Wesentlichkeitsanalyse auszuweisen, wie es Uniper, BMW und Alstria getan haben. Ähnlich kurz gehalten ist die ebenfalls methodische Begründung, die Schlüssel-SDGs seien aus Stakeholder-Befragungen hervorgegangen, bei Audi und der Deutschen Bahn.

Eine wirklich inhaltliche Begründung der Schlüssel-SDGs in den Berichten ist die Ausnahme. Eine solche hat Linde gegeben: „Im Mittelpunkt stehen dabei unsere Auswirkung auf Aspekte der Ziele sowie die Möglichkeit, einen positiven Beitrag zum Erreichen der Ziele zu leisten. Linde hat Einfluss auf die Entwicklungsziele über Produkte und Services, eine verantwortungsvolle Produktion, die Kooperation mit Partnern sowie über das gesellschaftliche Engagement.“ Dieses Zitat macht darauf aufmerksam, wie bedeutsam die Semantik ist, die in den Umschreibungen der Schlüssel-SDGs zu finden ist. So werden sie teils eher pragmatisch schlicht als diejenigen SDGs verstanden, „auf die wir uns in unserer künftigen Arbeit fokussieren wollen“ (Evonik) oder als die mit einer „für das Unternehmen besondere[n] Relevanz“ (Bosch). Stärker inhaltlich begründet sind dagegen solche Verständnisse, die Einfluss und Wirkung als Maßstäbe für die Bedeutung der SDGs heranziehen: So schreibt BMW von den „größten Wirkungsmöglichkeiten bei der Umsetzung der folgenden SDGs“ und Audi führt die „größten Auswirkungen bzw. den größten Beitrag für eine nachhaltige Entwicklung“ als Kriterium an.

Aus dem Maßstab „größtmöglicher Einfluss“ kann man dann eine entsprechende Darstellungsform ableiten, der gemäß die SDGs graduell nach ihrer Bedeutung für das Unternehmen abgestuft werden. Dies zeigt Covestro in einem Schaubild auf (s.u.); auch Siemens unterscheidet in relativ ausführlichen Textpassagen zwischen SDGs, auf die sie einen großen, einen mittleren und einen geringen Einfluss haben.

Neben den erwähnten methodischen Herleitungen, die eher oberflächlich gehalten sind, wird in wenigen Fällen die Methodik bei der Bestimmung der Schlüssel-SDGs ausführlicher dargestellt. Dazu gehören die Allianz und Covestro. Erläuterungen zur Methodik bei der Bestimmung der Schlüssel-SDGs macht auch die Rewe Group. Besonders hervorhebenswert ist in diesem Zusammenhang schließlich eine eigene Internetseite von Evonik, die den „konzernrelevanten Sustainable Development Goals“ gewidmet ist. Denn dort wird „ein eigenständiger Methodenansatz, der uns anhand qualitativer quantitativer Kriterien hilft, die für Evonik besonders relevanten SDGs zu identifizieren“ textlich erläutert und als detailliertes Schaubild graphisch dargestellt.

Darstellung der Beiträge zu den SDGs

Sechzehn Unternehmen stellen ihren Beitrag zur Erreichung der SDGs gebündelt in Form einer Tabelle oder Übersicht dar, davon zwölf Großunternehmen und vier KMU. Die Unternehmen verwenden dabei teilweise eine unterschiedliche Terminologie: Neben dem am häufigsten gebrauchten Begriff „Beitrag“ (Allianz, Bayer, Commerzbank, Deutsche Telekom, Henkel, Linde, Schaeffler, Talanx, Tui sowie Alstria, Stadtreinigung Hamburg, Vaude) werden die entsprechenden Passagen auch mit „Maßnahmen“ (Talanx sowie Hakro), „Aktivitäten“ (Henkel, Merck) oder „Umsetzung“ (Infineon) überschrieben. Die Übersichten mit den Beiträgen bzw. ergriffenen Maßnahmen der Unternehmen zu den SDGs beinhalten teils alle 17 SDGs, teils nur eine Auswahl; manche verweisen auf weiterführende Textstellen:

Ausführungen zu allen 17 SDGs Bayer, Commerzbank, Deutsche Telekom, Henkel, Linde und Vaude
Ausführungen zu den identifizierten Schlüssel-SDGs Allianz, Infineon, Merck, RWE, Schaeffler, Talanx, Tui sowie Alstria, Hakro, Stadtreinigung Hamburg
Auflistung mit Verweisen auf Seiten im Bericht Innogy, Merck, RWE, Talanx und Hakro
Auflistung mit Verweisen oder Links zu Internetseiten Linde und Vaude

Manche Unternehmen geben für ihre CSR-Handlungsfelder oder Unternehmensbereiche an, welche SDGs jeweils (besonders) relevant sind. Eine interessante Darstellungsform wählt Covestro, das in einer Tabelle für seine fünf Handlungsfelder den Beitrag zu allen 17 SDGs jeweils mit „hoch“, „mittel“ oder „niedrig“ einstuft. Die Schaeffler Gruppe verweist zu Beginn eines jeden Kapitels – und damit für jeden CSR-Handlungsbereich – darauf, inwiefern das Unternehmen, seine Aktivitäten und seine Produkte zur Erreichung einzelner SDGs beitragen. Der Mittelständler Elobau nennt in einer Übersichtstabelle Beispiele für alle Branchen, in denen seine Produkte eingesetzt werden, und ordnet diese einzelnen SDGs zu.

Manche Unternehmen bringen die SDGs in einen Zusammenhang mit Kennzahlen und Messgrößen. Die Deutsche Bahn, die Deutsche Telekom und Metro stellen diesen Zusammenhang in tabellarischen Übersichten dar: Während Metro im Kapitel zu Kennzahlen einfach hinter ausgewählten Kennzahlen ein zugehöriges SDG angibt (z.B. „Arbeitsunfälle (1.000-Mann-Quote) SDG3“ oder „Investitionen in das Gemeinwesen SDG17“), führt die Deutsche Bahn eine Index-Tabelle an, in der den wesentlichen Nachhaltigkeitsthemen sowohl einzelne SDGs als auch steuerungsrelevante Kennzahlen (mit Seitenverweisen) zugeordnet sind. Die Deutsche Telekom verweist auf das bestehende CR-Controlling mit seinen Kennzahlen und ordnet in einer Tabelle jedem der 17 SDGs eine oder mehrere (mehr oder weniger aussagekräftige) Mess- oder Steuerungsgrößen zu.

Die KFW skizziert für ihre Tochterfirma DEG (Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft mbH), wie diese mit einem neu entwickelten „Development Effectiveness Rating“, das an den SDGs ausgerichtet ist, „die Entwicklungsbeiträge jedes Kunden über fünf Wirkungskategorien bewertet“. Ähnlich kündigt die Otto Group an, bei der Weiterentwicklung ihres „fact based CR Management“ mit dem Namen impACT zum Zwecke der sozialen und ökologischen Wirkungsbewertung die SDGs einzubeziehen.

Manche Unternehmen stellen in ihren Berichten dar, inwiefern einzelne Produkte in Zusammenhang mit den SDGs stehen. So gibt die Deutsche Bank in einer Tabelle an, welche ihrer Nachhaltigkeitsfonds zu welchen SDGs beitragen. Die Munich Re erläutert in einem Abschnitt, wie ihr 2017 gegründetes Tochterunternehmen Sustainable Finance Risk Consulting mit Partnern „Risikotransferlösungen“ entwickelt, „um Privatinvestitionen in SDG­ Projekte zu mobilisieren“. In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, dass Evonik eine neue Methodik erläutert, „die es uns ermöglicht, Wertschöpfungsketten hinsichtlich ihrer Beiträge zu den SDGs zu bewerten“, wobei das Unternehmen begonnen hat, „erste Wertschöpfungsketten ausgewählter Produkte zu analysieren“ .

Erwähnenswert in der Reihe der Aktivitäten mit SDG-Bezug, über die Unternehmen berichten, sind auch kommunikative Maßnahmen. Aktivitäten zur Information der Mitarbeiter über die SDGs finden sich in den Berichten der Deutschen Telekom und der Deutschen Bahn, die zudem angibt, auch SDG-bezogene Kommunikationsaktivitäten in Richtung Kunden zu planen.

Selbstkritische Auseinandersetzung mit den SDGs

Die Auseinandersetzung mit den SDGs kann für die betreffenden Unternehmen eine motivierende Wirkung haben und führt bestenfalls dazu, dass sie ihr Nachhaltigkeitsmanagement systematisch darauf ausrichten. Als Ziele, zu deren Erreichen die Unternehmen beitragen können, verleiten die SDGs jedoch dazu, allein in positiven Kategorien zu denken. Das bedeutet: Wenn die Auseinandersetzung mit den SDGs dazu führt, dass die Unternehmen einseitig über ihre Beiträge, Einflussmöglichkeiten und positiven Wirkungen auf die SDGs zu berichten, dann kann – bei allen wünschenswerten Effekten – darin auch ein Wermutstropfen liegen: Es droht ein grundlegendes Merkmal anspruchsvoller Nachhaltigkeitsberichterstattung unter den Tisch zu fallen – nämlich die (selbst)kritische Auseinandersetzung mit den Unzulänglichkeiten, Zielkonflikten und nachhaltigkeitsschädlichen Wirkungen von Unternehmen. Die Zukunft wird zeigen, ob Unternehmen auch die andere Seite der Medaille bearbeiten und offen über ihren negativen Einfluss auf die SDGs berichten werden.

Hintergrund


Im Ranking der Nachhaltigkeitsberichte von IÖW und Future haben das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und die Unternehmensvereinigung Future die Nachhaltigkeitsberichte von mittelständischen und Großunternehmen aus Deutschland analysiert und hinsichtlich ihrer Qualität bewertet. Die Stichprobe des Rankings 2018 bestand aus 69 Nachhaltigkeitsberichten der 100 größten deutschen Unternehmen und 40 ausgewählten Berichten von Mittelständlern. Diese Berichte wurden auf der Grundlage eines umfassenden Kriteriensystems (IÖW & Future 2018a; IÖW & Future 2018b) nach einer transparenten Methode für das Ranking untersucht. Die Ergebnisse des Rankings (IÖW & Future 2019) und weitere Informationen, wie die Liste der bewerteten Nachhaltigkeitsberichte, sind auf der Internetseite des Projektes www.ranking-nachhaltigkeitsberichte.de dokumentiert.

Die tiefgehende Auseinandersetzung mit den Inhalten der Nachhaltigkeitsberichte ermöglichte eine Untersuchung der Frage, wie die Sustainable Development Goals (SDGs) in den Berichten thematisiert werden. Nach dem letzten Ranking der Nachhaltigkeitsberichte im Jahre 2015 konnte im aktuellen Durchgang eine erste Generation von Berichten berücksichtigt werden, die sich auf die SDGs beziehen (konnten). Bislang liegen erst wenige systematische Analysen der SDG-Berichterstattung von Unternehmen vor (vgl. GRI & UN Global Compact 2017; Oxfam 2018). Daher wurde dieser ersten Untersuchung der Berichterstattung über die SDGs durch deutsche Unternehmen ein explorativer und analytisch deskriptiver Ansatz zugrunde gelegt. Das Ziel dieses Beitrags ist es somit, einen grundlegenden Überblick über die Auseinandersetzung mit den SDGs in Nachhaltigkeitsberichten zu geben: In welchem Umfang, auf welche Weisen und mit welchen Schwerpunkten berichten die Unternehmen über die SDGs? Darüber hinaus werden Besonderheiten, die als (vergleichsweise) gute Berichterstattungspraxis aufgefallen sind, herausgestellt, um Anhaltspunkte für die Weiterentwicklung der SDG-Berichterstattung zu erhalten.

Methodisch wurde folgendermaßen vorgegangen: Alle Nachhaltigkeitsberichte und relevante Zusatzdokumente wurden mittels einer qualitativen Textanalyse mit Hilfe der Software MAXQDA ausgewertet.

Literatur