„Wir haben demonstriert.
Und wir haben getanzt.“

Die zweite Veranstaltung der Stuttgarter Unternehmensgespräche begann mit einer kurzen Geschichte der Biobranche – erzählt von Martina Merz (Designerin, Strategieberaterin und Vorständin bei UnternehmensGrün). Sie berichtete über ihre Erfahrungen aus den letzten 30 Jahren in der Naturkostbranche.  Anhand der Geschichte der BIOFACH, Weltleitmesse für Biolebensmittel und Naturkosmetik, spannte sie einen Bogen von den Anfängen umwelt- und friedenbewegter „Freaks“, die in ihren VW-Bussen unterwegs waren und ihre Produkte in der Badewanne gemischt hätten – bis zu den selben Menschen, die heute große und bekannte Biomarken führen. Es sei eine Zeit des „Aufbruchs und des Widerstands“ gewesen, in die Anfang der 1990er Jahre auch UnternehmensGrün hinein gegründet wurde.

„Bio ist erwachsen geworden“

stellte Dr. Christian Eichert (Geschäftsführer Bioland und AÖL Baden-Württemberg) danach fest. In seinem Impuls „Bio zwischen Masse und Klasse“ macht er klar: Seit Renate Künast als erste grüne Landwirtschaftsministerin damit begann, das Thema Bio in die Mitte der Gesellschaft zu rücken, hat sich Einiges verändert. „Bio ist relevant geworden. Einige Bio-Akteure haben nun Angst davor, die Nische zu verlassen und in den Mainstream zu geraten. Aber im Sinne von Greta Thunberg sage ich, jeder Hektar Bio ist gut für die Zukunft unseres Planeten,“ so Eichert. Den jährlich zweistelligen Verkaufszuwächsen von Bio-Lebensmitteln zum Trotz seien die Bioflächen in Deutschland seit dem Jahrtausendwechsel nur verhalten mitgewachsen. Dadurch beraube sich die deutsche Landwirtschaft noch immer der Möglichkeit, eigene Bioprodukte hier in der Region zu erzeugen. Noch immer müssen rund 50 % der Biomöhren und -kartoffeln aus dem Ausland zugekauft werden. Für Import-Bio sei der Bio-Sektor ursprünglich nicht angetreten.

Aber es bewegt sich was. So wollen laut einer aktuellen Umfrage des Bauernverbandes 20 % der konventionellen Bauern in Süddeutschland in den kommenden zwei bis drei Jahren auf Bio umstellen. Hier sieht Christian Eichert die Öko-Anbauverbände in der Verantwortung, neue Märkte zu erschließen – ggf. auch im Bereich der Discounter. Bioland sei hinsichtlich der Kooperation mit Lidl nicht von Anfang an überzeugt, sondern auch skeptisch gewesen. In den zweijährigen Verhandlungen habe man jedoch vertraglich Fair Play Regeln und auskömmliche Preise für die Landwirt_innen aushandeln können. Wenn die Preise künftig nicht gehalten werden können, wird eine mit Bioland-eigenen Juristen besetzte Ombudsstelle eingeschaltet. Auf Grundlage dieser Vertragsbedingungen hätte Bioland die Möglichkeit, den Markt für heimisches Qualitäts-Bio aktiv zu steuern und zu gestalten. Bioland liefere nur so viel, wie da sei und bestimme das Tempo der Zuwächse. Daher stellte Christian Eichert abschließend fest: „Wenn wir uns mit Bio weiterhin an der Weltrettung beteiligen wollen, müssen wir bereit sein uns aus unserem angestammten Biotop herauszubewegen.“


Auch die Landwirtschaft brachte ihre Perspektive in die Veranstaltung ein.

„Bei der solidarischen Landwirtschaft hat man nicht den Widerspruch zwischen Vielfalt und Wirtschaftlichkeit – hier geht beides.

Hier können wir unsere Werte voranbringen und umsetzen“, berichtet Lukas Dreyer vom Reyerhof, einem alten demeter Betrieb in Stuttgart. Seit 1955 werden hier ca. 40 Hektar nach den Prinzipien des biologisch-dynamischen Landbaus bewirtschaftet; der Hof liefert neben Gemüse und Getreide auch Fleisch, Milch und andere Milcherzeugnisse. Der Reyerhof mit Hofladen hat nun eine Genossenschaft gegründet und die solidarische Landwirtschaft etabliert. Ein Vorteil: „Wir können uns auf die Arbeit und die Qualität konzentrieren“, stellt Lukas fest.

Startup-Power mit…

  • Amelie und Julia von Spoontainable. Die beiden Frauen haben sich an der Uni Hohenheim im Studium kennengelernt – bald darauf haben sie ein Patent angemeldet, aus Kakaoschalenfasern essbare Eislöffel herzustellen. Seit zwei Wochen am Markt, sind die Kund_innen ganz begeistert vom „Spooni“. Auslöser der Löffelidee war die Plastikproblematik. Und dann? „Dann haben wir haben uns dazu entschieden, das Ganze richtig zu machen.“
  • Max von der Raupe Immersatt und Food Sharing Stuttgart berichtet von den aktuellsten Plänen. Die Essensretter_innen haben endlich Räumlichkeiten für das erste Foodsharing-Café gefunden – wir drücken die Daumen für die Eröffnung!
  • Konstantin, einer der Gründer von Wisefood (Nachhaltige Trinkhalme), hat in seiner Kindheit in Sachsen in Omas Garten Natur pur erlebt. Nach der Lektüre von „Kopf schlägt Kapital“ (Faltin) gab es den ersten Gründungsimpuls. „Zunächst wollte ich ein nachhaltiges Nestlé gründen“, sagt Konstantin, „aber dann wurde es doch ein konkretes Produkt“.

Mehr als 50 Interessierte kamen am 11. April 2019 im Wizemann-Space zu den zweiten Stuttgarter Unternehmensgesprächen zusammen, um über Megatrends im Food Bereich zu diskutieren. Das Thema Strukturwandel im Food-Bereich mit den damit einhergehenden Veränderungen der (Bio)-Vermarktungsstrategien zog sich wie ein roter Faden durch die gesamte Veranstaltung.

Die zahlreichen Gäste und Referent_innen wurden durch Dr. Katharina Reuter, Geschäftsführerin von UnternehmensGrün, begrüßt, die auch als Moderatorin durch die Veranstaltung führte. Sie stellte das Format als Austauschplattform für StartUps und etablierte Unternehmen vor du wies auf die neueste, durch UnternehmensGrün mitangestoßene Kampagne Entrepreneurs for Future hin, die bereits durch über 800 nachhaltig wirtschaftende Unternehmen gezeichnet wurde. Auch Markus Besch vom Kooperationspartner Wizemann.Space begrüßte die Gäste.

Unterstützt von der Stadt Stuttgart.

Vielen Dank dafür an Alex Stobinski und Stefan Jetter vom Wizemann Space!

Fotocredit: Wizemann.Space/ Alex Stobinski