Am 13. Februar 2019 pflanzte die Suchmaschine und UnternehmensGrün-Mitglied Ecosia seinen 50-millionsten Baum. 2,5 Millionen Tonnen CO2 wurden dadurch aus der Atmosphäre gefiltert und neutralisiert. Aus diesem besonderen Anlass haben wir mit Dr. Wolfgang Oels, COO bei Ecosia, darüber gesprochen, was Ecosia anders macht, wie wir uns alle noch weiter engagieren müssen und worin seine Motivation liegt sich täglich weiter für das Klima einzusetzen.

Was macht Ecosia besonders und anders?
Als Purpose Unternehmen sind wir weder Großaktionären verpflichtet, Quartalsgewinne abzuliefern, noch müssen wir Spenden einsammeln. Wir stellen uns komplett in den Dienst für die Allgemeinheit und haben dabei große Freiheiten, Neues auszuprobieren und schnell zu agieren. Wir können mit wenigen Einschränkungen darüber nachdenken, wie Unternehmen heutzutage im Sinne der Allgemeinheit und künftiger Generationen arbeiten sollten, können das selbst ausprobieren und vorleben.

Pro Sekunde ein Baum – wie pflanzt Ecosia die Bäume vor Ort?
Da gibt es viele Aspekte: zum einen arbeiten wir immer mit lokalen Partnern. So konnten wir in nur 3 Jahren von einem Projekt auf über 20 Projekte in 4 Kontinenten wachsen. Zweitens geben wir uns viel Mühe, kosteneffiziente Projekte auszuwählen und selbst den Vertrags- und Kontrollaufwand gering zu halten. Das gelingt uns durch eine Mischung aus Standardisierung, einem Tick Vertrauensvorschuss und pragmatisch angewendeter Technologie. Drittens pflanzen wir eben nicht nur Bäume, sondern restaurieren komplette Ökosysteme. Wir wollen helfen, hochdiverse Landschaften wieder entstehen zu lassen, die für unsere Partner wertvoll sind, weil sie Wasser und Nahrungsmittel schenken und weil sie für ein angenehmes Mikroklima sorgen.

Ecosia kämpft täglich dafür, CO2 einzusparen. Laut den Ergebnissen der Kohlekommission ist der finale Kohleausstieg nun für 2038 vorgesehen. Damit rückt die Erreichung der globalen Klimaziele bis 2030 in weite Ferne. Was muss sich an der Politik ändern und welche Hebel haben Unternehmen und Einzelpersonen?
Deutschland hat mit dem ursprünglichen EEG und seinen Pionierunternehmen im Bereich Erneuerbare Energien vor gut 15 Jahren das Weltenergiesystem für immer verändert. Für mich ist das so etwas wie Deutschlands Geschenk an die Menschheit. Die Messe ist auch tatsächlich gesungen. Wir sehen das Rückzugsgefecht einer sterbenden fossilen Energieindustrie, bei dem CEOs noch ihre Boni verteidigen, Politiker ihre bezahlten Aufsichtsratsmandate sichern und Tail-End-Investoren „auscashen“ wollen. Die Energiewende wird also kommen, aber wir verlieren Zeit, die wir nicht haben.
Nun argumentieren manche, dass der Hebel für das Wiederanfahren bei den Bürgern und deren Einkaufsentscheidungen lägen. Das sehe ich aber nicht so. Warum haben Autos heute Katalysatoren, warum sind gewisse Klauseln in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen unserer täglichen Einkäufe verboten und warum findet der Ölwechsel nicht auf dem Parkplatz statt? Das liegt nicht an landesweitem individuellen Umdenken und millionenfacher Konfrontation von Herstellern. Der Grund für diese Verbesserungen waren ganz einfach Gesetze.
Und genauso gehören heute viele Inhaltsstoffe, Produktionsverfahren und Geschäftsgebaren – inkl. gewisser Formen von Datenerhebung – einfach verboten. Gezielter „nachhaltiger Konsum“ ist nichts anderes als Notwehr. So sorgen Bürger_innen für Aufmerksamkeit, erzielen vereinzelt Achtungserfolge und helfen sich punktuell aus dem Gefühl von Ohnmacht. Die wirkliche Lösung kann aber nur, wie bei der Gesetzgebung zu den Allgemeinen Geschäftsbedingungen, durch staatliche Ge- und Verbote kommen.
Und warum gibt es diese Ge- und Verbote nicht? Wenn wir ehrlich zu uns sind, dann ist das leider kein Problem von Einzelfällen und „faulen Äpfeln“, sondern wir beobachten das weltweit, seit Jahrzehnten, systematisch. Um bessere Ergebnisse zu bekommen, müssen wir also unsere demokratischen Systeme weiterentwickeln: Stopp der finanziellen Einflussnahme von Unternehmen auf Politiker und Parteien, das Nachholen des Umbaus von Geld- und Finanzsystem nach der Krise von 2007, Liquid Democracy oder Sortition.
Das wird uns als Einzelkämpfer aber nicht gelingen. Wir müssen uns organisieren. Wenn Greenpeace, BUND, Deutsche Umwelthilfe, Campact, Attac, Demokratie Innovation und viele andere Organisationen jeweils 80 Millionen Mitglieder hätten, dann wären wir beim Kampf gegen den Klimawandel sehr viel weiter. Oder, was wäre, wenn 100% der Firmen nicht Mitglied der IHK wären, sondern stattdessen von UnternehmensGrün?
Also – lange Rede, kurzer Sinn: was wir tun können, ist in diese Organisationen einzutreten, ob als zahlende oder nicht zahlende Mitglieder. Und jeder am besten in ein halbes Dutzend davon! Das soll uns aber nicht davon abhalten, natürlich im Mai zur Europawahl zu gehen und den Parteien bzw. Menschen unsere Stimme zu geben, denen wir den Schutz unserer Lebensgrundlagen am meisten zutrauen.

Was treibt Sie persönlich an, täglich für das Klima zu kämpfen?
Zum einen gibt es eine kleine Gruppe von Menschen, die sich auf unsere Kosten bereichert und zwar erheblich. Sie kostet uns – und damit auch mich – viel Geld, statistische Lebenszeit, Freude. Sie steigert durch ihr Tun und Lassen, das Risiko für uns – und damit auch für meine Kinder oder für mich selbst – in schwere Krisen zu kommen. Diese Menschen verringern unsere Widerstandskräfte und Handlungsoptionen. Auf die Sicht von einigen Jahrzehnten berauben sie uns unserer Lebensgrundlagen. Ich will all das nicht ertragen, sondern mich dagegen wehren.
Darüber hinaus freue mich kindisch auf das Leben nach Energie-, Landwirtschafts-, Mobilitäts-, Finanz- und Demokratiewende! Ich freue mich darauf, wie wir stolz auf das Erreichte zurückschauen werden.
Und tatsächlich treiben mich die vielen netten Kommentare und Emails an, die wir von Ecosia-Nutzern bekommen. Die kommen übrigens sogar von Google Mitarbeitern, die uns sagen, wie toll sie das finden, was wir machen und uns dabei viel Glück wünschen.

Welche Pläne hat Ecosia für die Zukunft?
Unsere Bekanntheit explodiert derzeit förmlich und so auch unsere Nutzerzahlen. Darüber freuen wir uns sehr und bauen unsere Baumpflanzaktivitäten sowohl quantitativ wie qualitativ aus. Wir wollen in Zukunft die Vorteile hochdiverser, regenerativer Landwirtschaft mehr für uns nutzen und für unsere Nutzer erlebbar machen. Dazu bringen wir seit kurzem auch Experten der Permakultur zu unseren Projekten. Wir schließen gerade den weltweit ersten Business Plan Wettbewerb zum Thema „Regenerative Landwirtschaft“ ab.  Und wir haben für uns als Firma und für uns als Mitarbeiter einen Hektar Land in der Nähe von Berlin gepachtet, um über Boden, Insekten und Pflanzenvielfalt zu lernen, um zu experimentieren und um tolle Lebensmittel für unser Büro zu ernten.
Außerdem möchten wir unseren Nutzern helfen, ökologisch nachhaltigere Entscheidungen zu treffen. Dazu kennzeichnen wir z.B. gerade in einem Piloten die Ergebnisse von „grünen“ Unternehmen durch ein kleines grünes Blatt. In dieser Richtung wird uns auch noch einiges mehr einfallen.

Herzlichen Dank für das Interview, lieber Wolfgang Oels!

Das Interview führte Anne Freese, aus der UnternehmensGrün-Geschäftsstelle.


Über Ecosia

Mit Sitz in Berlin ist Ecosia die weltweit größte grüne Suchmaschine. Wie jede andere Suchmaschine generiert Ecosia ihre Einnahmen über Werbeanzeigen. Die Gewinne sind dem Gemeinwohl verpflichtet und werden genutzt, um neue Bäume zu finanzieren. So wurden durch Ecosia bereits über 38 Millionen neue Bäume in 19 weltweiten Biodiversitäts-Hotspots, überwiegend im globalen Süden, gepflanzt. Ecosia baute eine eigene Solaranlage, um sicherzustellen, dass Ecosia zu 100% mit erneuerbarer Energie betrieben wird. Ecosia wurde 2009 von Christian Kroll gegründet, der im Herbst 2018 Anteile an die Purpose Stiftung abgab, umrechtlich bindend und unwiderruflich für alle Zeit die gemeinwohlorientierte Verwendung von Ecosias Gewinnen abzusichern und vor einem Verkauf zu schützen.