Rückblick UnternehmensGrün Jahrestagung 2018 – „So geht Mobilitätswende!“

„Die Klimaziele wird Deutschland nicht erreichen, wenn es weiter so wirtschaftet“ stellte Dr. Ellen Ueberschär (Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung) gleich zu Beginn die Dringlichkeit des Themas klar. Vor allem der Verkehrssektor müsse transformiert werden – hin zu einer Mobilität, die nachhaltig und für alle bezahlbar sei.

Mehr als 200 Teilnehmer_innen diskutierten am 18.10.2018 auf der Jahrestagung „So geht Mobilitätswende!“ von UnternehmensGrün e.V. in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung darüber, welche politischen Rahmenbedingungen eine wirkliche Mobilitätswende braucht. Innovative Lösungen aus der Wirtschaft und ein vielfältiges Experimentierfeld zeigten auf, wie die Mobilitätswende gelingen kann.

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Mut statt Angst

Bei UnternehmensGrün gehe es nicht nur um das „Warum“ der Mobilitätswende, erkannte auch Cem Özdemir (MdB, Vorsitzender des Ausschusses für Verkehr und digitale Infrastruktur) in seiner Keynote, sondern darum, wie sie bereits funktioniere. Für ein Gelingen der Mobilitätswende forderte Cem Özdemir, dass es kein Biotop für fossile Brennstoffe geben dürfe. Außerdem: CO2-Bepreisung, Anreizsysteme innerhalb der Verkehrspolitik, Abschmelzung des Dieselprivilegs, eine nachhaltige Steuerpolitik und Ökologisierung des Dienstwagenprinzips. Was es vor allem brauche sei Erfindergeist. Er mahnte an, Menschen, die Angst vor Veränderungen hätten, nicht auf dem Weg zu verlieren und Mut statt Angst zu machen. Denn nachhaltige Mobilität darf auch Spaß machen. Es solle weniger um Verbote, sondern um Ermöglichung gehen.


Energie- und Rohstoffversorgung für Mobilität

Den geforderten Erfindergeist zeigten die Referent_innen der folgenden Impulswerkstätten, beispielsweise im Bereich Antriebe oder zukünftiger Energie- und Rohstoffversorgung für Mobilität.
So gründete Roland Schüren (Ihr Bäcker Schüren) eine „E-Transport Selbsthilfegruppe“ und entwickelte in diesem Rahmen Europas ersten Serien-Elektro 3,5-Tonner. Neben weiteren Maßnahmen zur Verbesserung des Energieverbrauchs in der Backstube, konnte der Bäcker aus Hilden (NRW) den absoluten CO2 Ausstoß von Jahr zu Jahr reduzieren wobei die hergestellte Tonnage an Backwaren ansteigen

Laut Arne Grein (ÖKTOTEC) gehe es darum, zu „agieren nicht reagieren“ und den Stromverbrauch aktiv zu steuern. ÖKOTEC entwickelte mit der BSR (Berliner Stadtreinigung) Konzepte zur Stromspeicherung bei E-Müllautos, indem die Fahrzeuge zu Zeiten niedriger Börsenstrompreise geladen werden und somit Spitzenlastzeiten ausgeglichen werden können (Sektorkopplung).

Eine Alternative zum E-Antrieb testet momentan Remondis in Form einer CO2-neutralen Betankung mit Bio-LNG. Dabei machte Geschäftsführer Herwart Wilms auf der Tagung deutlich, dass nur wirkliche Abfälle verwendet werden und kein Kampf Teller vs. Tank stattfinde.


Sharing und digitale Dienstleistungen

Die Mobilitätswende ist eine gemeinsame Anstrengung. Dies bewiesen die Referent_innen der Runde „Sharing / Digitale Dienstleistungen“. Gerade im Tourismus spiele das Auto eine dominante Rolle, so Hermann Weiß von Naturtrip.org. Die von seinem Team entwickelte Whitelabel-App fördere den ÖPNV für touristische Ziele, indem sie die mit dem Nahverkehr erreichbaren Ziele für die Nutzer_innen sichtbar mache.
Auch Bettina Dannheim von Cambio CarSharing plädierte für einen Ausbau von Partnerschaften mit dem ÖPNV. Den Ausbau der E-Mobilität in der Flotte verhindere vor allem die geringe Auslastung der E-Fahrzeuge. Es gäbe eine Hemmschwelle für E-Mobilität, insbesondere bei Langstrecken. Daher forderte sie einen Ausbau der Ladeinfrastruktur.

Fabio Adlassnigg (CleverShuttle) forderte die Anwesenden auf „gemeinsam Anreize zu schaffen, damit der private Nutzer den PKW stehen lässt“. Dieses Prinzip verfolgt auch die Ride-Sharing-App CleverShuttle, die derzeit bis zu 48 % geteilte Fahrten vermittle.


Mitarbeitermobilität: Wege zur Arbeit

In der Mitarbeitermobilität stehen gerade Unternehmen in ländlichen Regionen vor Herausforderungen wie fehlender Ladeinfrastruktur und fehlender Reichweite von E-Fahrzeugen für Außendienstler_innen, so Hilke Patzwall (VAUDE). Das Unternehmen reagiert mit verschieden Programmen für Mitarbeitermobilität (Fahrrad-Leasing etc.) und dem Ausbau der betrieblichen Strukturen (Fahrradgarage, Ladesäulen etc.). Hilke Patzwall forderte ein klares Bekenntnis für mehr ÖPNV auf dem Land, den Ausbau von Radwegen und eine bessere Vernetzung von Unternehmen und Kommunen vor Ort.

Paula Ruoff (KCW GmbH) schloss sich dem an und pochte auf neue Mobilitätsangebote für den Berufsverkehr, wie Bikesharing oder Mikromobilität. Letzteres ist im deutschen Straßenverkehr noch nicht zugelassen und bezeichnet elektrische Kleinstfahrzeuge, wie beispielsweise E-Skateboards, Hoverboards, bis hin zu mehrspurigen Fahrzeugen.

Die Netzwerkinitiative „Driversity“ möchte mittels Blockchain-Technologie über eine Plattform Buchungen für Dienstreisende vereinfachen. Bisher gebe es bereits mehr als 60 teilnehmende Unternehmen, so Franziska Martian (Deutsche Bahn).

Auf Eigeninitiative von Unternehmen in der Mitarbeitermobilität setzt Gerd Lemken (Punta Velo), indem sein Unternehmen Lastenräder nach den besonderen Anforderungen für Mittelstand und Handwerk ausstattet.  So könne der innerstädtische Berufsverkehr entlastet werden.


Mobile Stadt der Zukunft

Der Lieferverkehr in der Stadt ist ein Kernthema der Mobilitätsdebatte. Insbesondere die Logistik der letzten Meile stelle Unternehmen vor Herausforderungen: „Abgasemissionen, Lärmbelastung, Mobilitätseinschränkungen und mehrfache Zustellversuche sind ein Problem“, sagt Claudia Silber (Memo AG). Durch Elektrolastenräder versucht die memo AG diesen zu begegnen.

Durch Fahrradtaxis entlastet auch Velotaxi den innerstädtischen Verkehr. Doch stellen die Velotaxis Verwaltungen vor Herausforderungen: Fahrräder gelten nicht als Fahrzeuge der Personenbeförderung und so darf im Normalfall lediglich ein Kind bis 7 Jahre mitgenommen werden. Bis die benötigten Sondergenehmigungen für den Personentransport vorlägen, vergingen schon mal bis zu 6 Monate! Carina Heinz (Velotaxi) fordert daher, dass sich die Rahmenbedingungen ändern und auch das Berufsbild der/des „Berufsradfahrer/in“ stärker entwickelt werden müsste.

Den innerstädtischen Fahrradverkehr hatte auch der Impuls von Heiko Rintelen (Changing Cities) im Blick. Mit dem Volksentscheid Fahrrad wurde in Berlin ein Zeichen gesetzt. Die RRG-Koalition in Berlin hat 90 % der Forderungen übernommen, so Rintelen, der nun die Umsetzung in den Bezirken begleitet.

Martha Wanat (Bicicli) sieht sechs Handlungsfelder für urbane Mobilität: Gesundheitskosten, Vorsorge, Verantwortung, Mobilitätskosten, Mitarbeiterzufriedenheit, sowie Bau und Verkehrspolitik. Sie forderte Städte auf, eine Haltung Pro-Rad einzunehmen. Aber auch Unternehmen müssten Fahrradmobilität fördern.


Mobilitätswende oder -revolution – wie kommen wir ans Ziel?

Zahlreiche Beispiele aus den Unternehmen zeigen, dass Bürger_innen und Unternehmen bereits weiter sind als die Politik. Zu diesem Schluss kamen auch die Diskutant_innen in dem Panel „Mobilitätswende oder -revolution?“. Roland Schüren (Ihr Bäcker Schüren) forderte, dass die Politik sich auf klare Regelungen einigen solle, beispielsweise für Dieselfahrzeuge. Es sei egal, wie lange die die Umsetzung dauere, aber erst mit einer Regelung könnten sich Unternehmen auf einen Wandel einstellen. Auch Frank Hansen (BMW Group, Kompetenzzentrum Urbane Mobilität, Leitung Pilotprojekte) sah die Probleme auf politischer Seite: „Es brauche mehr Gestaltungsspielraum in den Kommunen und politischen Willen“.

„Wir müssen den Platz in der Stadt wieder gerechter verteilen“, stellte Carina Heinz (Velotaxi) fest, damit die Straße wieder ein sozialer Ort werden könne. Mobilität müsse für jede_n das kosten, was sie verursacht, so Frank Hansen. Kostenwahrheit unterstützte auch Wasilis von Rauch (VCD): „Parken muss teurer werden: Es ist lächerlich, was der öffentliche Raum kostet“. Er schlug vor, sich an den regionalen Mietpreis-Spiegeln zu orientieren. Zudem könne eine höhere Energiesteuer auf Diesel mehr Gelder für die Mobilitätswende einbringen. Trotz des Dieselskandals würden weiterhin genau diese Autos verkauft, was das Versagen der Politik deutlich mache.

Auf die zentrale Frage, ob es einer Mobilitätswende oder -revolution bedürfe, forderte Hansen die Revolution, da die derzeitigen Instrumentarien nicht geeignet seien. Heinz setzte entgegen, dass sich Autoliebhaber_innen vor einer Revolution scheuen würden und es eher eine Wende bräuchte, um alle mitzunehmen. Vor allem aber bräuchte es Beispiele und Vorbilder, auch wenn der PR-Fotograf weg sei.


Wir brauchen eine echte Verhaltensänderung

Die Jahrestagung endete mit einem Dialog zwischen Katharina Reuter (Geschäftsführerin UnternehmensGrün e.V.) und Ulrike Saade (Inhaberin VeloKonzept Saade).

Ausprobieren konnten die Teilnehmenden die Mobilitätswende direkt vor Ort. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an alle Akteure und Partner im Markt der Möglichkeiten und auf dem Experimentierfeld! Ein herzliches Dankeschön geht auch an unsere Sponsoren und Medienpartner für die Unterstützung!

Links zu den Präsentationen der Referenten


Best Practice: Wir machen Ladeinfrastruktur selbst (Roland Schüren, Geschäftsführer, Ihr Bäcker Schüren)

Sektorkopplung & Ladeinfrastruktur (Arne Grein, Managing Consultant, Research & Development, ÖKOTEC)

Mit Bus und Bahn ins Grüne – Die Open Data Umkreissuche von naturtrip.org (Hermann Weiß, Co-Founder, naturtrip.org)

CarSharing im Umweltverbund – vernetzte Angebote als Chance für die Verkehrswende (Bettina Dannheim, Geschäftsführerin, Cambio Carsharing)

Mobilitätswende in Unternehmen: Chancen & Herausforderungen (Hilke Patzwall, Senior Managerin CSR, VAUDE Sport GmbH & Co. KG)

Wege zur Arbeit: Bringen neue Mobilitätsangebote die Verkehrswende (Paula Ruoff, Beraterin, KCW GmbH)

Netzwerkinitiative driversity: gemeinsam die Mitarbeitermobilität von morgen verändern (Franziska Martian, Marketing Geschäftskunden, Deutsche Bahn AG)

Vom Volksentscheid Fahrrad zu Deutschlands erstem Mobilitätsgesetz (Heiko Rintelen, Social-Media und Campaigning, Changing Cities e.V.)

Zitate und Reaktionen

„Das war nicht irgendeine Tagung, sondern da ging es um unsere konkrete Zukunft, um Unternehmen, die etwas bewegen wollen und um Ideen, die die Welt verändern können. Mir haben die Impulse und Diskussionen sehr gefallen, vor allem im Plenum. Die Keynote war ein Highlight! Herzlichen Glückwunsch zu dieser schönen und inspirierenden Jahrestagung.“

„… war eine super Veranstaltung heute! Großes Kompliment für die Sprecherzusammenstellung. Und ich hab euer Netzwerk als sehr wertvoll kennengelernt.“

„Ich gratuliere euch sehr zu dieser wirklich unfassbar guten Veranstaltung, auf der Aspekte diskutiert worden sind, die es sonst nirgendwo in die Öffentlichkeit schaffen.“

„Ihr seid echt eine nette, kompetente Truppe und habt wirklich eine sehr gute und interessante Veranstaltung organisiert. – Klasse!“

© Fotos: UnternehmensGrün / Sven Löffler