Die Biobranche steht vor einem Generationenwechsel. Wie löst man diese Aufgabe in einem Unternehmen und was wird aus den Werten der Pioniere, wenn sie die Geschäfte übergeben? Welche Herausforderungen hat die #nextgeneration zu bewältigen? UnternehmensGrün hat dazu mit Sabine Kauffmann, Geschäftsführerin bio verlag GmbH, im Interview gesprochen.

Wie wurde bei Ihnen die Nachfolge im Unternehmen geregelt?
Diese Frage stellte sich 2010, als sich einer der beiden verbliebenen Gründer entschied, aus dem bio verlag auszuscheiden. Er hatte damals 50 % der GmbH Anteile, ich hielt als zweite Gründerin 25 %, einige der MA zusammen weitere 25 %. Gemäß der gemeinsamen Werte sahen die Gründer sich nicht als einzige Eigentümer des entstandenen Wertzuwachses. So gab es zwei Alternativen: Verkauf an extern mit Weitergabe eines Teils des Verkaufsgewinns an die Mitarbeiter_innen oder Übergabe an die Mitarbeiter_innen unter Wert.

Die Mitarbeiter_innen entschieden sich für die Übernahme, um so die gemeinsame Unternehmenskultur zu erhalten. Ich wollte diesen Weg unterstützen und habe für eine nachhaltige Lösung die Anteile ebenfalls abgegeben, um in das gemeinsame Neue einzusteigen. Ziel war eine neue Eigentümer_innen-Struktur, die die Grundlagen des Unternehmens fortführt, absichert und dabei Entwicklung zulässt. Die Lösung sollte die Gemeinsamkeit erhalten und weiterhin die Mitarbeiter_innen vollständig an Erfolg und Entscheidung beteiligen.

Was wird aus den Werten der Bio-Pionier_innen, wenn die Geschäfte übergeben werden? Wie können sie erhalten bleiben?
Die bio verlag-Lösung übertrug aus juristischen und steuerlichen Gründen nicht die Anteile an die Mitarbeiter_innen sondern übergab „nur“ die Bestimmung über den Verlag in Mitarbeiter_innenhand. Die bio verlag Stiftung hat mit nur drei Prozent der Eigentumsanteile aber eine deutliche Mehrheit in der Gesellschafterversammlung. Hier haben ausschließlich die Vertreter_innen der Mitarbeitenden das Sagen. 97 % des Unternehmens gehören einer gemeinnützigen Stiftung. Diese garantiert mit ihrer Sperrminorität die Beibehaltung der Ausrichtung des Unternehmens, da sie im Falle von Satzungsänderung und Verkauf zustimmen muss.

Grundsätzlich aber gab es hinsichtlich der Wertekontinuität keine Bedenken, denn die Mitarbeitenden waren schon vorher an den Entscheidungen beteiligt. Auch die gemeinsamen Werte waren also schon vorher gemeinsam entschieden worden. Zur Überprüfung wurden sie nach der Umgestaltung erneut diskutiert, auch um die inzwischen dazugekommenen Mitarbeiter_innen einzubeziehen. Ergebnis war eine Überarbeitung, aber keine grundlegende Veränderung.

Unterstützt Sie jemand im Prozess der Beteiligung der Mitarbeiter_innen?
Wir hatten uns die Unterstützung einer auf Beteiligung spezialisierten Anwaltskanzlei gesucht und, als das zu keinem Ergebnis führte, den Auftrag an eine zweite Kanzlei weitergegeben. Außerdem wurden wir unterstützt durch unsere Steuerberaterin, die uns sehr engagiert begleitet hat.
Den internen Prozess jedoch gestalteten wir selbst, mit Beteiligung und Unterstützung jedes/jeder Mitarbeiters/Mitarbeiterin. Eine anstrengende aber sehr inspirierende Zeit. Aktuell brauchen wir in der Hinsicht keine Unterstützung

Gab es Mitarbeiter_innen, die der Nachfolgeregelung kritisch gegenüberstanden? Wenn ja, wie sind Sie damit umgegangen?
Prinzipielle Bedenken gab es keine. Aber natürlich gab es Unsicherheiten, schließlich mussten die Mitarbeitenden Unternehmer-ähnliche Entscheidungen treffen. Die wenigsten betriebswirtschaftlich gebildet und es ging ja für den Einzelnen um durchaus erhebliche Beträge, die gebraucht wurden.

Grundsätzlich jedoch standen alle Mitarbeitenden hinter dem Prozess und die Vorteile von Mitarbeiter_innenbeteiligung sind ja gerade, dass Bedenken aus allen Ecken des Unternehmens angesprochen werden und so bearbeitet werden können.

Was können Sie anderen Unternehmen mit auf dem Weg geben, die sich zurzeit mit der Nachfolgefrage beschäftigen?
Zur Nachfolgefrage generell kann ich wenig beitragen. Zur umfassenden Mitarbeiter_innenbeteiligung als eine mögliche Antwort auf die Nachfolgefrage kann ich sagen:
Mitarbeitende sind durchaus gewillt, Verantwortung zu übernehmen, wenn man das wirklich zulässt.

Transparenz zu schaffen und „Macht“ abzugeben, kann sehr bereichernd sein. Es macht Führung nicht einfacher oder schwieriger, es stellt nur vor andere Herausforderungen.

Zur Person:

Sabine Kauffmann
ist Geschäftsführerin und Mitgründerin des bio verlags.

Geboren 1958 in Köln, verbrachte Frau Kauffmann die Schulzeit in Baden und Württemberg.

1979/80 erfolgte die Gründung des pala-Verlages (Schaafheim), zunächst neben dem Studium des Wirtschaftsingenieurwesens Maschinenbau in Darmstadt. Der Verlag wollte Ökologie im Alltag möglich machen und startete mit der Zeitschrift „Offene und Praktische Nachbarschaft“, ein Buchprogramm folgte bald.

1985 begann mit der ersten Ausgabe des Naturkost-Magazins Schrot&Korn die enge Zusammenarbeit mit dem Bio-Fachhandel. Für diesen wurden weitere Medien entwickelt, print und digital, für Endkund_innen und Fachleser. Daneben war Sabine Kauffmann für den bio verlag federführend an verschiedenen Studien zu Bio-Konsumenten beteiligt. 2002 wird Frau Kauffmann zweite Geschäftsführerin, seit 2011 ist sie alleinige Geschäftführerin.

2001 Gründung der gemeinnützigen Stiftung Natur, Mensch, Kultur zusammen mit Mitgründer Ronald Steinmeyer. Diese fördert Umweltschutz und Bildung, lokal und in Entwicklungsländern. Sie fördert Projekte, die gerade in anderen Ländern zu einer nachhaltigen Verbesserung der Lebenssituation mit ökologischen Projekten führen.

Nachhaltigkeit und Ökologie sollte nicht bei ökologischen Aspekten Halt machen. Daher setzt sich der bio verlag seit Gründung bio verlag für Selbstbestimmung auch in der Arbeitswelt ein. Dies ermöglicht ein faires Miteinander und unterstützt verschiedene Lebensentwürfe. Vermutlich auch diese Chancengleichheit führt dazu, dass der Anteil von Frauen auf allen Ebenen hoch ist. Aber auch unsere Männer nutzen die Flexibilität und Selbstbestimmung gerne.

2011 helfen diese Vorerfahrungen, den bio verlag in die Hände der Mitarbeiter zu übergeben. Als eine der beiden verbliebenen Gründer stiftet sie ihre Gesellschafteranteile und die beiden ermöglichen so, dass die Mitarbeiter_innen die Geschicke des Verlags in die eigene Hand nehmen und zukunftssicher aufstellen. Die echte Mitarbeiter_innen-Beteiligung beteiligt alle Mitarbeiter_innen des bio verlags an den Entscheidungen, am Erfolg und Kapital, gemäß dem Leitbild „gemeinsam ökologisch handeln.“

Neben ihrer Funktion als Geschäftsführerin des bio verlages ist Sabine Kauffmann Stiftungskuratorin der Stiftung natur, mensch, kultur sowie Stiftungskuratorin der bio verlag Stiftung. Aikido begleitet Sabine Kauffmann seit langem und hält beweglich, körperlich wie geistig. Sabine Kauffmann wohnt in Erlangen hat zwei erwachsene Kinder und nutzt damit wie viele Kollegen auch einen Heimarbeitsplatz.


© Titelbild: bio verlag
© Portraitbild: Harald Hufgard