„Wir machen Bratwurst und zerlegen gemeinsam ein halbes Schwein.” So stand es in der Einladung, die Katharina Reuter an ihre Geburtstagsgäste verschickte. Die Geschäftsführerin von UnternehmensGrün schockte mit voller Absicht: Sie trommelt für bewussten (Bio-) Fleischkonsum aus artgerechter Haltung. „Es muss klarwerden, dass Fleisch kein alltägliches Lebensmittel ist“, sagt Reuter.

Reuter leitet den Bundesverband der grünen Wirtschaft seit Anfang 2014. UnternehmensGrün sieht sich seit 25 Jahren als die politische Plattform nachhaltiger Unternehmen. „Neben der Lobbyarbeit wollen wir natürlich auch öffentlich wirken und Anreize für andere Unternehmen schaffen, sich intensiver mit Klima- und Umweltfragen zu beschäftigen“, erzählt Reuter. Rund 220 hauptsächlich kleinere und mittlere Unternehmen sind Mitglied beim Verband mit Hauptsitz in Berlin.
Nach Studium und einer Promotion in Agrarökonomie über die Vermarktung von Bioprodukten arbeitete Reuter in einer ökologischen Unternehmensberatung und bei der auf Nachhaltigkeit getrimmten GLS-Bank in Bochum mit der Aufgabe, nachhaltige Projekte finanziell zu fördern. Als Geschäftsführerin der Klima-Allianz kam sie dann erstmals in Kontakt mit dem Öko-Lobbyismus.
Nach der Geburt ihrer zwei Söhne wollte Reuter ein paar Jahre kürzertreten und einen weniger zeitaufwendigen Job annehmen. „Meine Promotion und meine frühere Position als Geschäftsführerin standen mir damals echt im Weg“, erinnert sie sich. „Ich habe mich mehrmals auf Assistenzstellen beworben, aber niemand wollte das.“ Schließlich übernahm sie Verantwortung bei UnternehmensGrün. Heute rät sie jungen Frauen zu mehr Mut und Selbstvertrauen, wenn es darum geht, sich um Führungspositionen zu bewerben. Gleichzeitig hält sie eine Frauenquote für unverzichtbar.
Schon als Jugendliche war der heute 41-Jährigen klar, dass sie sich gesellschaftlich einmischen will. Mit 15 Jahren wurde Reuter Teil der Jugendumweltbewegung, gründete später die Grüne Jugend auf Bundesebene mit und quälte ihre Eltern mit Grünkernbratlingen. Seither fordert sie einen echten Wandel. „Mir ist klar, dass Nachhaltigkeit ein Kaugummibegriff ist“, sagt sie. „Große Unternehmen vermarkten sich damit, ohne sich wirklich zu ändern. Unseren Unternehmen geht es darum, tatsächliche Veränderungen voranzutreiben.“ Mit UnternehmensGrün plädiert sie deshalb auch dann für neue Regeln, wenn sie einen Einschnitt für die Wirtschaft zugunsten der Umwelt bedeuten. „Mich regt es auf, wenn konventionelle Wirtschaftsverbände behaupten, etwas gehe nicht aus Gründen der Wirtschaftlichkeit“, sagt Reuter. „Es geht um unsere Lebensgrundlage. Daher muss es zu Transformationsprozessen kommen, die auch mal wehtun.“
Trotzdem glaubt Reuter, dass Wirtschaftlichkeit und Umweltschutz Hand in Hand gehen können. „Umweltschädliche Geschäftsmodelle dürfen sich schlichtweg nicht mehr lohnen, dann werden tatsächlich nachhaltige Ansätze aufblühen“, sagt sie. „Ich glaube fest an die Kraft von Gesetzgebung und Ordnungsrecht.“ Für die Energiewirtschaft hat Reuter sehr konkrete Ideen. „Die Motivation, selbst Strom aus Erneuerbaren zu erzeugen, ist bei den Unternehmen da. Die politischen Rahmenbedingungen stimmen aber noch nicht“, sagt Reuter. „Kleine Unternehmen zahlen Stromsteuer, Netzentgelte und die EEG-Umlage für Eigenstrom und sind von Industrierabatten ausgenommen.“
Reuter lebt im Grünen, etwas außerhalb von Berlin. Vor der Arbeit füttert sie jeden Tag ihre Hühner, bevor sie Richtung Stadt pendelt. Außer freitags, denn da arbeitet sie zu Hause, in der Natur.
Wer ist ihr Stromversorger, warum gerade dieser?
Greenpeace Energy. Ich bin von Lichtblick dorthin gewechselt, weil mich die politische Idee hinter dem Tarif „Solarstrom plus“ begeistert hat. Mit dem zusätzlichen Betrag werden der Bau von Solaranlagen in Braunkohlerevieren und die politische Arbeit unterstützt.
Was müsste passieren, damit sie sich ein E-Auto zulegen?
Nichts. Der Tesla Model 3 ist schon bestellt – wir fahren dann mit dem selbst erzeugten Strom aus unserer Photovoltaikanlage.
Wer aus der Umweltszene hat sie beeindruckt?
Ich habe eher politische Vorbilder wie Rudi Dutschke oder Petra Kelly. In der Umweltszene schätze ich Klaus Töpfer sehr. Er versteht es, Brücken zu bauen.
Welche Energie-Innovation der vergangenen Jahre war für sie die wichtigste und welche würden Sie sich wünschen?
Die wichtigste: Speichermöglichkeiten für Sonnenenergie für zu Hause. Ich wünsche mir eine Weiterentwicklung von Smart-Home-Lösungen im Energiebereich. Mit einer digitalen Heizungssteuerung konnten wir unseren Verbrauch zum Beispiel deutlich reduzieren.

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