Positionspapier 07/2018

Jede/r zehnte Deutsche ist selbstständig und die Anzahl insbesondere der Soloselbstständigen steigt stetig. Insgesamt aber ergibt sich ein negativer Gründungssaldo: Die Neugründungen reichen nicht aus, um die Liquidationen auszugleichen. Dabei sind Selbstständigkeit und Unternehmergeist wichtige Treiber von Innovation. UnternehmensGrün, der Bundesverband der grünen Wirtschaft, macht Vorschläge, wie neue Freiräume für den Sprung in die Selbstständigkeit geschaffen werden und dadurch die Anzahl von Gründungen steigen könnten.

Innovationen sind der Treiber für eine ökologische und soziale Transformation der Wirtschaft. Durch sie werden zukunftsfähige Arbeitsplätze geschaffen. Allerdings leben nicht alle (Solo-) Selbstständigen in der hippen Start-up-Welt. Mit zunehmender Flexibilisierung der Arbeitswelt durch Dezentralisierung, Digitalisierung und Liberalisierung des Arbeitsmarktes wandeln sich Beschäftigungs­verhältnisse spürbar. Immer mehr Menschen arbeiten in so genannten atypischen Formen über Werkverträge oder Subunternehmertum. Nicht wenige geraten dabei in eine Scheinselbstständigkeit.

In den letzten 20 Jahren hat sich die Anzahl der Soloselbstständigen, also der Selbständigen ohne Angestellte, fast verdoppelt. Dennoch ist die Anzahl der Neugründungen insgesamt rückläufig und auch der Gründungswille ist seit der Finanzmarktkrise gesunken. Laut DIHK befindet sich das Land in einer „Gründungsmisere“. Bereits im sechsten Jahr in Folge gab es in 2017 weniger Beratungsgespräche zu Gründungen in den Industrie- und Handelskammern – erstmals lag die Zahl der IHK-Gespräche mit Gründer_innen unter 200.000, der fünfte Negativrekord in Folge. Auch der KfW-Gründungsmonitor 2017 unterstreicht diese Aussage.

Nicht zuletzt ist das soziale Risiko beim Gang in die Selbstständigkeit noch immer sehr hoch. Gerade die Startphase eines Unternehmens ist besonders krisenanfällig und fordert Unternehmer_innen heraus, da sie neben ihrem eigenen Unterhalt nur sehr schwer die Kosten für soziale Absicherung erwirtschaften können. Gleichzeitig stehen sie vor bürokratischen Hürden, die das Gründen langwierig und administrativ aufwändig werden lassen.


Forderungen von UnternehmensGrün

UnternehmensGrün fordert die Umsetzung von folgenden Maßnahmen, damit das Gründungsklima und die Situation von Start-ups in Deutschland verbessert wird und (Solo)Selbstständigen mehr Spieltraum für Innovationen erhalten:

Förderung und Coaching: Die auf Förderverhinderung angelegte Handhabung des Vermittlungs­vorgangs bremst Gründungen aus. Konkret heißt das, Gründungswillige bekommen keinen Gründungszuschuss (der als Sozialleistung gilt), solange sie hinsichtlich ihrer Qualifikationen in freie und gemeldete Arbeitsstellen vermittelbar sind.

UnternehmensGrün fordert, die Gründungszuschüsse fortzusetzen und deren Kriterien praxisnäher und großzügiger zu gestalten. Dabei muss der Zugang zu Förderprogrammen niedrigschwelliger gestaltet werden. Für den Start aus der Arbeitslosigkeit muss es intensive Förderung geben. Statt immer neuer Bewerbungstrainings sollten Basics für die Selbständigkeit vermittelt und Interessierten Weiterbildungsmöglichkeiten geboten werden.

Social Entrepreneurship/ Gründungszuschuss: Um Gründer_innen den nötigen Freiraum für den Aufbau eines Social Startups zu ermöglichen, sollte für die Anlaufphase zumindest der persönliche Lebensunterhalt sichergestellt werden, fordert beispielsweise der SEND e.V., Fachverband für Social Entrepreneurship. Bereits im Koalitionsvertrag 2013 fand sich die Idee einer „Gründungszeit“ analog der Elternzeit. Dieses Vorhaben wurde aber nie umgesetzt. Zudem wurde der Gründungszuschuss, als etabliertes Instrument für Gründungsvorhaben aus der Arbeitslosigkeit, durch die Umstellung von einer gesetzlichen Pflichtleistung in eine Ermessensleistung mit Vermittlungsvorrang auf dem Arbeitsmarkt zum zahnlosen Tiger. Das Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND e.V.) kritisiert, dass der Gründungszuschuss nun für viele Gründer_innen in Zukunfts- und Wachstumsmärkten sowie im sozialen Sektor nicht mehr zugänglich ist, da es in diesen Bereichen kaum offene Arbeitsplätze gibt. Problematisch ist außerdem, dass die Gründungsförderung in den vergangenen Jahren systematisch gekürzt wurde.

Gemeinsam mit dem SEND e.V. fordert UnternehmensGrün daher, dass zukünftige Programme nicht nur den Gründungen im rein ökonomischen Kontext zur Verfügung stehen, sondern auch für Gestalter_innen im Umfeld gesellschaftlicher und sozialer Innovationen nutzbar sind. Die Mittel zur Gründungsförderung sollten erhöht werden.

Diversität: Viele Beratungsangebote sind auf den klassischen männlichen Weißen als Ansprechpartner ausgelegt, viele Bevölkerungsgruppen werden dadurch gar nicht angesprochen. So liegt das Potenzial bspw. von Frauen und Migrant_innen für Existenzgründungen weitgehend brach, weil ihre spezifischen Informations- und Förderbedürfnisse nicht ausreichend berücksichtigt werden. Im Jahr 2017 lag der Frauenanteil bei Gründungen bei 14,6%. Eine Studie der Uni Hohenheim beziffert das Potential, das durch gezieltere Förderung von Gründerinnen entfaltet werden kann.

UnternehmensGrün fordert daher, dass Vorabinformation zum Thema Gründung individuell vermittelt werden, um auch Gruppen zu erreichen, die nicht dem Bild des typischen Gründers entsprechen, z. B. Alleinerziehende, Frauen, Migrant_innen und ältere Mitbürger_innen. Sehr wichtig wären Gründungscoachings und begleitendes Mentoring über die ersten Jahre. Gleichzeitig sollte ökonomische Bildung bereits in der Schule beginnen. Wirtschaft als Pflichtfach oder Projekte wie Schülerfirmen sollten zum schulischen Alltag gehören.