Tagung UnternehmensGrün am 21.10.16 / Essen und Trinken ist politisch!

Die Ökobilanz der heute praktizierten Landwirtschaft ist ein Desaster, der Umschwung Richtung Nachhaltigkeit ist nur in Ansätzen vorhanden. Die Jahrestagung von UnternehmensGrün sucht Ansätze für den politischen Wandel. Von Marcus Franken.

Man kann es ein Schlüsselerlebnis nennen: Vor ein paar Jahren hatte Christine Chemnitz noch das Gefühl, sie stünde mit ihrer Kritik ziemlich allein auf der Welt. „Handelsregeln für eine globale Landwirtschaft“, so die etwas dröge Bezeichnung ihres Arbeitsgebietes in der grünennahen Böll-Stiftung. Und dann das: Unter der Leitung von Chemnitz hatte die Stiftung einen „Fleischaltlas“ auf die Beine gestellt – eine ziemlich bunte Enzyklopädie von „Fleischverzehr, Deutschland“ bis„Fleischproduktion, weltweit“. „Ich war dagegen, den Atlas mit einer Pressekonferenz vorzustellen, ich dachte, da kommt niemand“, sagt Chemnitz auf der UnternehmensGrün-Jahrestagung „Essen und Trinken ist politisch!“ Doch kann lockt die Vorstellung der Publikation stolze 60 Journalisten an, mehr als bei manchem Auftritt der Bundeskanzlerin; am Abend bringen Tagesschau und Co. Berichte über den neuen Titel und am Tag drauf beherrschte der „Fleischatlas“ die Titelseiten der Zeitungen. A Star was born. Inzwischen wurde der Atlas mehr als eine halbe Millionen Mal gedruckt und in etliche Sprachen übersetzt.

Ernährung ist ein Thema, das inzwischen viele, vor allem junge Menschen politisiert. Das zeigt auch der Blick ins Publikum der UnternehmensGrün-Tagung: Überwiegend Frauen und Männer in den 20er und 30ern. Denn an der Frage, wo unsere Lebensmittel herkommen, wer dafür leiden muss und wie dadurch Natur, Umwelt und Klima gestört werden kommt im Alltag niemand vorbei. Das Thema kommt im wahrsten Sinne des Wortes drei Mal täglich auf den Tisch. Und das Problem ist drängender denn je. „Keine andere menschliche Tätigkeit gestaltet die Welt so stark wie das Essen und Landwirtschaft“, erklärt Ursula Hudson, die Vorsitzende von Slow Food Deutschland in Berlin.

Die Fakten sind erschütternd. Seit dem Aufkommen der industrialisierten Landwirtschaft in den 1950er Jahren ist das Lebensmittelsystem aus den Fugen: In der landwirtschaftlich genutzten Fläche in Deutschland hat ein Rückgang der Arten um 75 Prozent stattgefunden; und die Daten zeigen, dass der Abwärtstrend „zwischen den Äckern“ immer noch weiter zurückgeht – siehe Abbildung.

Immer weniger Arten zwischen den Äckern

Legende: Index der Artenvielfalt im Agrarland in Deutschland von 1970 bis 2011; Quelle: Bundesamt für Naturschutz (BfN) 2014 nach DeStatis “Daten zu den Indikatoren zu Umwelt und Ökonomie” Ausgabe 2015

Gleichzeitig hat die EU-Kommission in ihrem aktuellen Biodiversitätsbericht (Mid-term review of the EU biodiversity strategy to 2020) deutlich gemacht, dass es auch europaweit keine Besserung gibt. „Darüber wundert man sich nicht, wenn man weiß, dass Reis, Weizen und Mais in großen Monokulturen angebaut werden und heute 60 % der weltweit zugenommenen Kalorien ausmachen“, so Hudson. Die Ernährungswelt sei aus den Fugen und die industriemäßige Art, wie heute Landwirtschaft gemacht wird, sie nicht nur für den Artenrückgang zuständig. Sie lauge weltweit die Böden aus, habe einen erheblichen Anteil am Ausstoß von Klimagasen (10 bis 12 % laut Weltklimarat) und schaffe es – trotz industriellen Anbaus und global operierender Lebensmittelkonzerne – nicht, den Hunger und die Mangelernährung in der Welt zu beseitigen. Dabei produziert die Landwirtschaft heute mehr als genug für alle 7,2 Milliarden Menschen auf der Erde. Nur: Das Produzierte wird ungerecht verteilt; in Deutschland haben Studien im Auftrag der Bundesregierung gezeigt, dass in den Haushalten jedes Jahr 6,7 Millionen Tonnen Lebensmittel als Abfälle entsorgt werden. Das ist so viel, wie 335.000 Müllfahrzeuge laden können; Stoßstange an Stoßstange würden sie eine Schlage von Portugal bis an die Grenze zu Russland bilden.

Nachhaltigkeits-Bilanz der Bauern ist ein Desaster

Angesichts dieser desaströsen Bilanz der industriellen, immer mehr pervertierten Landwirtschaft müssen die Kritikerinnen und Kritiker dicke Bretter bohren. „Ein radikaler, systemischer Wandel in der landwirtschaftlichen Forschung, Entwicklung und Praxis ist nötig“, sagt die Slow-Food-Vorsitzende Ursula Hudson. Und ist damit nicht allein.

Dass das industrielle Agrarsystem nicht mehr funktioniert, haben schon der Weltagrarbericht (IAASTD) 2008 und die neuere HANDY Studie der NASA (2014) festgestellt. Hudson: „Weiter so ist keine Option mehr!“ „Ernährung und Landwirtschaft ist ein Schlüsselthema für Klimawandel, Gerechtigkeit und Umweltschutz“, sagt UnternehmensGrün Vorstand Gottfried Härle, Inhaber der Regionalbrauerei Härle im Allgäu.

Aber wie weiter? Slow Food packt den eigenen Lösungsansatz in den knackigen Slogan: „Zukunftsfähig ist gut, sauber, fair“; und dekliniert das dann als genussreiche Lebensmittel (gut) in ressourcenschonendem Anbau (sauber) und unter Arbeitsbedingungen, die eher handwerklich als industriell sind und auch soziale Nachhaltigkeit garantieren (fair). Ist das zu viel verlangt?

Slow Food zeigt, wie dieses Konzept funktioniert, zumindest im Kleinen: Die Mitglieder des Verbandes geben alten Rassen und Sorten wie dem Hohenloher Sattelschwein oder Schwäbischen Alblinse wieder eine Chance und bewahren sie so vor dem Aussterben; sie kochen mit Lebensmitteln, die schon rein von ihrer Gestalt her aus der Norm fallen – den so genannten Culinary Misfits. Und sie tragen die Bewegung in alle Welt: Inzwischen gibt es rund um den Globus von Australien bis Alaska mehr als 1500 Ortgruppen. Tendenz: Wachsend. Damit spürt Slow Food die gleiche steigende Aufmerksamkeit für das Thema „Essen&Landwirtschaft“ wie Christine Chemnitz mit dem Fleischatlas der Böll-Stiftung. Und Hudson ist sich sicher, dass die Resonanz für das Thema mehr ist, als nur ein kurzlebiger Medientrend: „Gerade die Die 20jährigen denken heute doch ganz anders über Essen nach, als die heute 50jährigen. Und sie wollen auch mit 60 noch über einen funktionierenden Planeten laufen!“ Auch Reinhild Benning von Germanwatch, eine der wichtigsten Lobbyistinnen der Ernährungswende, ist überzeugt: „Nach den ganzen Lebensmittel-Skandalen der vergangenen Jahre haben auch über 70 % der Fleischesser Angst vor Keimen auf der Wurst; diese kritische Haltung wird sich nicht mehr ändern.“

Die wahren Kosten gerecht verteilen

So klar die Analyse, so verzwickt ist die Lage an der politischen Front. Die wichtigste sozialpolitische Frage lautet: Können sich das überhaupt alle leisten, wenn Lebensmittel quasi nur noch als Biolebensmittel angebaut werden? „Klar Ja“, sagt Hudson. Aber das Umgehen-Können mit Lebensmittel sei dann umso wichtiger. Denn wenn man kochen kann, kann man aus jedem Gemüse und auch aus den weniger nachgefragten Fleischstücken Köstlichkeiten zaubern und dabei das persönliche Budget schonen. Jenseits dessen bleibt die Aufgabe bestehen, der industriellen Landwirtschaft die Kosten für die Zerstörung aufzubürden, die sie anrichtet. Und den Bioanbau und die tiergerechte Haltung zu entlasten.

Und es geht auch darum, die Internationalisierung der Landwirtschaft zurück zu drehen. „Unsere Agrarstudie zeigt, dass unter Handelsabkommen wir TTIP vor allem die kleinen und mittleren Bauern leiden und unter dem Preisdruck der international handelnden Agrarindustrie zusammenbrechen“, sagt Katharina Reuter, Geschäftsführerin von UnternehmensGrün und Mitautorin der Studie. „Da dürfen wir die Politik auch nicht in Ruhe lassen“, sagt Michael Wimmer, Geschäftsführer Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg (FÖL) e.V.. Grundsätzlich sei die Entwicklung des Biolandbaus positiv: Aber der Anteil am Lebensmitteleinzelhandel liege auch heute erst bei 4.6 %. „Und wenn es so weiter geht, sind wir auch in 10 Jahren erst bei 10 %.“ Insbesondere bei der traditionellen Landwirtschaftslobby – den Bauernverbänden – habe sich eine Wagenburgmentalität gebildet, die jede echte Veränderung sofort als Angriff verstehe und diese Sichtweise auch bei „ihren“ Parlamentariern durchsetze.

Einsicht reift auch im konservativen Bauernverband

„Dabei“, meint Rudolf Bühler, Vorstandsvorsitzender der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall (BESH), „tun wir Bauern gut daran, uns mit den Umweltschützern zusammen zu tun.“ Über Demonstrationen wie die immer zum Jahresanfang stattfindende „Wir-haben-es-satt“-Demo in Berlin bekämen die Landwirtschaftsthemen Öffentlichkeit. Und nur dann gebe es Aussicht auf Veränderung.

Dass die Einsicht auch in den klassischen Bauernverbänden reift, zeigen zumindest einzelne ihrer Vertreter. „Wir sehen TTIP sehr kritisch und ich hoffe, dass wir unsere Standards in Europa festschreiben können, statt sie abzusenken“, erklärt Olaf Feuerborn, Präsident des Bauernverbandes Sachsen-Anhalt auf der Jahrestagung von UnternehmensGrün. Überhaupt sitzt mit Feuerborn ein Bauervertreter am Tisch, dessen Positionen zum Teil nicht so weit weg sind von den ökologisch orientierten Agrariern und Ernährungsengagierten: „Die heutige, nur auf preiswerte Waren ausgelegte Produktionsweise wurde den Bauern durch die Rahmenbedingungen der Politik aufgezwungen“, klagt der Mann, der selber einen Hof in Sachsen-Anhalt betreibt. Und mit Blick auf den überbordenden Fleischkonsum: „Mir würde der Sonntagsbraten auch reichen.“ Seine Forderung: „Konventionelle Landwirte brauchen auch finanzielle Anreize, um in eine andere Richtung umzusteuern.“

Er weiß wovon er spricht: Auf seinem Betrieb hat er es auch selber mit Bioanbau und Hofländen versucht. Aber die Flächen und die beiden Läden hat er wieder zugemacht: Mangels Nachfrage bei den Verbrauchern hat es sich nicht gerechnet. „Das zeigt, dass hier vor allem auch die Politik gefragt ist. Die Rahmenbedingungen müssen so gesetzt werden, dass ökologische und regionale Produkte eine faire Chance haben“, sagt Katharina Reuter von UnternehmensGrün. Nur dann haben nachhaltig orientierte Unternehmen eine faire Chance, aus der richtigen Sache auch gute Geschäfte zu machen.


Die Jahrestagung zum Nachschauen:

  • Vorträge

    • Begrüßung Katharina Reuter: ab Anfang
    • Einführung Christine Chemnitz: ab Min. 3:00
    • Keynote Ursula Hudson: ab Min. 16:20
    • Fragen aus  dem Publikum: ab 59:40
    • Fazit Gottfried Härle: ab 1:10
  • Podiumsdiskussion

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