Gastkommentar von Günther Hartmann (Dipl.-Ing. Architektur, Journalist BJV)

Für Energiewende und Klimaschutz gibt es einen äußerst simplen und wirkungsvollen Lösungsbeitrag – aber seltsamerweise interessiert sich dafür niemand. Die politischen Diskussionen drehen sich bislang vor allem um die Stromversorgung. Und die energie- und ressourcenfressende Baubranche ist ganz auf das Thema „Heizenergie“ fokussiert und blendet die großen Einsparpotenziale für Energie und CO2-Emissionen bei den Baumaterialien aus. Weder in der Energieeinsparverordnung (EnEV) noch in den KfW-Förderprogrammen taucht dieser Aspekt auf. Um den derart verengten „Tunnelblick“ aufzuweiten, ging der Landesinnungsverband des Bayerischen Zimmererhandwerks nun in die Offensive und veröffentlichte die Broschüre „STOP CO2“ mit vier spannenden Interviews und verblüffenden Zahlen.

Auffällig oft wird in letzter Zeit die Wirtschaftlichkeit im Zusammenhang mit Energiewende und Klimaschutz beschworen. Seltsamerweise spielt die aber bei genauem Hinsehen in den Strategien und Konzepten so gut wie keine Rolle. Wirtschaftlichkeit bedeutet: mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel erreichen. Auf den Klimaschutz bezogen: zu möglichst geringen Kosten möglichst viel CO2 vermeiden. Unter dieser Prämisse müssten für alle in Erwägung gezogene Klimaschutzmaßnahmen zunächst deren CO2-Vermeidungskosten errechnet und bewertet werden. Doch das geschieht nie.

Für die Broschüre „STOP CO2“ errechnete der Münchner Architekt Holger König, Pionier auf dem Gebiet der Lebenszyklus-Betrachtungen, die CO2-Vermeidungskosten für fünf Holzgebäude. Dazu ermittelte er für die realisierte Ausführung in Holzbauweise und für eine fiktive Ausführung in Standardbauweise jeweils die Baukosten und die CO2-Bilanzen. Dann musste nur noch die Differenz der Baukosten durch die Differenz der CO2-Bilanzen geteilt werden. Das „schlechteste“ Ergebnis: 69 Euro pro Tonne CO2.

Interessant und aufschlussreich ist der Vergleich mit den CO2-Vermeidungskosten Erneuerbarer Energien: 124 Euro pro Tonne CO2 gibt die Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) für Windkraft an, 846 Euro pro Tonne CO2 für Photovoltaik. Allerdings beziehen sich die Zahlen des FfE auf die gesamte Lebensdauer einer Anlage, die Zahlen von König auf den Zeitraum bis zur Fertigstellung des Gebäudes. Bauen mit Holz reduziert die CO2-Emissionen kurzfristig und nicht langfristig – ein hinsichtlich der Dinglichkeit des Klimaschutzes wichtiger Aspekt.

Zugegeben: Die Zahlen der FfE sind nicht mehr ganz aktuell. Die für Windkraft dürften momentan leicht und die für Photovoltaik deutlich niedriger liegen. Hier zeigt sich aber auch das Problem: Die CO2-Vermeidungskosten sind eigentlich die zentrale Kennzahl für die Beurteilung der Wirtschaftlichkeit von Klimaschutzmaßnahmen, müssten also jährlich neu ausgerechnet werden, doch das geschieht nicht, denn offensichtlich interessiert sich niemand dafür. Es regt sich der Verdacht, dass es beim Klimaschutz viele symbolische Alibi-Aktivitäten gibt, sich aber niemand dafür interessiert, wie er sich optimieren lässt.

Zurück zum Bauen mit Holz: Warum weist es eine so gute CO2-Bilanz auf? Das liegt nicht nur daran, dass es im Gegensatz zu anderen Baumaterialien, die mit sehr viel Energie künstlich hergestellt werden, natürlich wächst und zur Ernte und Bearbeitung relativ wenig Energie benötigt werden, sondern vor allem an der Art und Weise des Wachstums: Bei der Photosynthese wird kein CO2 freigesetzt, sondern gebunden. Der Baum entnimmt der Atmosphäre CO2, bindet den Kohlenstoff (C) in der Zellstruktur des Holzes und gibt Sauerstoff (O2) an die Atmosphäre ab. Wenn Holz verrottet oder verbrennt, dann wird genau die Menge CO2 wieder freigesetzt, die der Baum vorher im Lauf seines Lebens gebunden hatte.

Die Nutzung von Holz stellt immer einen CO2-neutralen Kreislauf dar. Trotzdem ist nicht jede Nutzung gleich gut. Nur durch die stoffliche Nutzung – z.B. als Baumaterial – bleibt das CO2 über die Lebensdauer des Baums hinaus für weitere Jahrzehnte bis Jahrhunderte gebunden und entlastet die Atmosphäre. Entscheidend ist ja, den Klimawandel in den nächsten Jahrzehnten möglichst stark zu bremsen. Es gilt, die Erwärmung unseres Planeten so zu verlangsamen, dass der Natur Zeit bleibt, sich anzupassen. Gelingt dies nicht, werden viele Ökosysteme ihr Gleichgewicht verlieren und zusammenbrechen.

Verblüffend ist das enorme Potenzial, das eine Intensivierung des Bauens mit Holz für den Klimaschutz bietet. Eine aktuelle Studie für Bayern zeigt: Schon heute stehen den 75 Mio. Tonnen CO2, die es jährlich zur Erzeugung von Energie freisetzt, 13 Mio. Tonnen gegenüber, die durch stoffliche Nutzung von Holz langfristig gebunden bleiben, und 10 Mio. Tonnen, die wachsende Wälder zusätzlich neu binden. Fast ein Drittel der bayerischen CO2-Emissionen werden also zurzeit auf diese Weise schon kompensiert. Und da ginge noch sehr viel mehr. Es fehlt nur am politischen Willen. Momentan geschieht sogar das Gegenteil: Die Herstellung energieintensiver Baumaterialien wird durch Befreiung von der EEG-Umlage subventioniert – eine massive Wettbewerbsverzerrung in die völlig falsch Richtung.


Weitere Infos: www.stopco2.jetzt

Günther Hartmann, LANDESINNUNGSVERBAND DES
BAYERISCHEN ZIMMERERHANDWERKS
Presse und Kommunikation
Eisenacher Straße 17
80804 München